update:24.02.01

Kunstturnen:

Deutschlands Turner formieren sich im Jahr 1 nach Sydney

- Zweites DTB-Trainingscamp des Olympiakaders 2004 abgeschlossen -

(Zur Situation des deutschen Männerturnens - von Eckhard Herholz)

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Hanschke beim Code- Studium

Noch ein wenig ratlos schauen die Turntrainer dieser Welt in den dicken, 134 Seiten starken neuen Code de Pointage, der ab 2001 die Bewertungsfibel auf dem Wege nach Athen 2004 sein wird, gibt es doch den seitens des Weltverbandes noch nicht einmal gebunden und für alle. So müssten sich die Landesverbände zunächst mit eigenen Kopien behelfen, als sie ihre Kampfrichter zu den ersten Lehrgängen schickten. Auch Bundestrainer Rainer Hanschke hat die neuen Anforderungen des Codes in den Mittelpunkt seines 12-tägigen Trainingslagers in Kienbaum bei Berlin gerückt, bei dem er von seinen 18 Athener Olympiakadern 16 "an Deck" hatte.
. Neben den Etablierten, wie Deutschlands besten Olympiaturner Marius Toba aus Hannover, der mit seinen 33 Jahren einen ewigen Frühling zu erleben scheint, dem Deutschen Mehrkampfmeister Sergej Pfeifer (beide TK Hannover), dem Hallenser Renè Tschernitschek und dem Chemnitzer Sven Kwiatkowski - taucht doch nun eine ganze Reihe junger, frischer Gesichter auf, die alle noch den schweren Weg hinein in den Seniorenbereich vor sich haben. "Eines unserer Probleme ist die fehlende Wettkampferfahrung der Jungen", so Hanschke. "Obwohl sie z.T. im Juniorenbereich ziemlich erfolgreich waren (Mannschaftsbronze zur Junioren-EM 2000 in Bremen) ist das nicht zu vergleichen mit dem, was jetzt vor ihnen steht!"
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.... neue, junge Gesichter in der ersten Reihe:

Alexander Otto

Marcel Niess

Christian Berces

Robert Juckel

Ronny Ziesmer
. Für Aussagen über Leistungsstand und Ziele ist es wahrlich noch zu früh, wenngleich Ende März mit dem ersten Weltcupturnier, dem 25. Turnier der Meister" in Cottbus ein erster Schlagabtausch der Weltelite zu erwarten ist. Da davor mit "Le Duel" in Montreux und danach mit Budapest zwei weitere Weltcup-Veranstalter aus finanziellen Gründen ihre Wettbewerbe gestrichen haben, erwartet man in der Lausitz absolute Weltklasse. "Da bin ich aber gespannt, welchen Leistungsstand die anderen Länder anzubieten haben," - so der Bundestrainer.

Sebastian Faust

Roland Wackenhut

Thomas Andergassen

Tom Neubert

Jens Uebel

Was die neuen Anforderungen der Internationalen Wertungsbestimmungen betrifft, so ist es, wie aller 4 Jahre üblich, zu einer Vielzahl von Schwierigkeitsabstufungen gekommen, d.h. ehemalige D-Teile werden in die Gruppe der weniger schwierigen C-Teile zurückgestuft, aus früheren E-Teilen werden D-Teile oder bisherige Sprünge mit dem Schwierigkeitsgrad 10,0 sind nur noch 9,8 Punkte wert, usw.
Ganze Heerscharen von geduldigen Kampfrichtern dieser Welt haben so aller 4 Jahre einen neuen Katechismus zu lernen und auf der Strecke bleiben erneut selbst die gutwilligsten Zuschauer und Freunde dieses an sich so herrlichen Ästetiksports! Leider sind angedachte Veränderungen auf diesem Gebiet im Vorjahr auf FIG-Ebene wieder zurückgedreht worden, die zum Beispiel wesentlichere Vereinfachungen der Bewertungen und eine festgeschriebene Schwierigkeitstabelle zum Inhalt hatten.

  Am Sprunggerät, z.B. gibt es jetzt überhaupt nur noch 4 Sprünge, die einen Schwierigkeitsgrad von 10,0 haben:
-   Das ist der Überschlag-Doppelsalto vorwärts, mit 1/2-Drehung (- wie z.B. Dragulescu)
-   der Kasamatsu, gestreckt mit zusätzlicen 2 1/2-Drehungen (- also insgesamt 31/2-Drehungen, den 
      momentan nur der Cubaner Erik Lopez beherrscht)
-   der Tsukahara, gefolgt von Doppelsalto rückwärts gebückt und
-   der Überschlag-Salto vorwärts mit 2 1/2-Längenachsendrehungen ("Yeo").
Selbst der vor erst 2 Jahren in Cottbus welturaufgeführte "Melissanidis" - ein Rondatsprung, gefolgt von einem Doppelsalto gehockt - ist nun nur noch 9,8 Punkte wert, es sei denn, ein erster Turner wagte dieses Element in gebückter Ausführung und reicht ihn zur Aufnahme in den Code ein.

  Am Boden werden all jene Turner Vorteile haben, die viele kombinierte akrobatische Reihen anbieten können, honorieren doch die neuen Wertungsbestimmungen besonders die Vielfalt des Übungsgutes aus den 5 unterschiedlichen Strukturgruppen der Elemente.
  Am Pauschenpferd werden besonders die "Flopvarianten" belohnt, an den Ringen noch mehr die Kombinationen der verschiedensten Kraftelemente und die Souveränität ihrer Übergänge.
  Der Barren kann zum besonderen deutschen Problem werden, gibt es Bonifikationen doch hier besonders für Langhangtechniken und Unterholmen-Elemente, mit denen einige der großgewachsenen Ex-Junioren der neuen Garde, wie Roland Wackenhut (Stuttgart) oder Sebastian Faust (Halle) so einige Sorgen bekommen könnten.
  Am Reck kann man sich besonders durch Ellgriffvarianten profilieren. Da es aber dort nicht all zu viele Möglichkeiten gibt, bleibt erneut eine  Einengung des Übungsgutes zu befürchten, greift doch bestimmt eine Vielzahl der Athleten auf die wenigen, machbaren Strukturen (- wie z.B. "Zhu Lumin").

Auch in den USA erfolgte mit dem "Wintercup" bereits der erste nationale Wettbewerb nach neuen Wertungsbestimmungen. Nach den beiden Weltcups "France Telecom" Mitte März und danach dem 25. Cottbusser Turnier der Meister" werden erste Analysen auf internationalem Gebiet möglich sein. Für  Cottbus hat Bundestrainer Rainer Hanschke natürlich die wettkampferfahrenen Männer wie Marius Toba, Sergej Pfeifer, Sven Kwiatkowski und Renè Tschernitschek im Visier, sieht aber auch für die jungen Männer, wie Ronny Ziesmer, den Hallenser Christian Berczes, den Berliner Robert Hirsch oder den Stuttgartern Alexander Otto und Thomas Andergassen eine Wettkampfchance.

Zum "deutschen Turn-Bedingungsgefüge" nach dem personellen Wechsel an der DTB-Spitze sagte Hanschke schmunzelnd: "Mit dem neuen DTB-Präsidenten Rainer Brechtken hatte ich in dessen ersten 100 Tagen seiner Amtszeit mehr und längere Kontakte, als im ganzen Olympiazyklus davor mit seinem Vorgänger. Dem Neuen traue ich schon eine Menge zu, was die Veränderung der Voraussetzungen angeht, vor allem, wenn ihm ab Frühjahr seine Ämter die volle Übernahme seiner Präsidentschaft im DTB ermöglichen."

Die kommenden 35. Weltmeisterschaften Ende Oktober im belgischen Ghent sind in erster Linie unter längerfristigen Gesichtspunkten zu sehen. Sie ordnen sich ein auf dem Weg zur bedeutsamen WM 2003 in Indianapolis, bei der die Olympiaqualifikation 2004 erfolgt. Hanschke: "Natürlich wollen wir die Position von Sydney verbessern, natürlich gibt es auch für Ghent Final-Zielstellungen, aber jetzt im Februar kümmern wir uns in erster Linie um Probleme mit Vorraussetzungscharakter. Jetzt muss erst einmal gearbeitet werden und meine jungen Leute, wie Andergassen, Uebel oder Otto brauchen Wettkampferfahrung! Da schmerzt es uns natürlich schon, dass da im Frühjahr 2 Weltcups weggebrochen sind...!"
Verkraften muss man auch den voraussichtlichen WM-Ausfall von Stephan Zapf (Fußoperation) sowie der verletzten Berliner Daniel Farago (Operation im Dezember) und Dmitri Nonin (- bevorstehende Schulteroperation im März in München. "... viel zu spät! - so Hanschke).

Wie überhaupt der Hauptstadtclub SC Berlin schwersten Zeiten entgegensieht: Neben den beiden Erwähnten hat der Traditionsverein den Abgang Andreas Weckers (Vertragsunterzeichnung bei der TG Saar) und den soeben verkündeten Rücktritt vom Leistungssport des langjährigen Routiniers Peter Nikiferow zu verkraften. Bleibt Robert Hirsch, dessen Leistungsperspektive an Ringen und Reck wegen langjährigen Schulterproblemen mehr als ungewiss ist. Ein langes "Tal der Tränen" steht da den Berlinern bevor, die in den letzten Jahren zwar tugendhaft (- und auch aus Gründen fehlender Finanzmittel) auf den Einkauf europäischer Superstars in der 1. Bundesliga verzichteten, deren hoffnungsvoller Nachwuchs momentan aber noch nicht die Lücken schließen kann. Talente wie Renè Piephart, Martin Lahmer und Lars-Gregor Biewendt brauchen noch ein wenig Zeit - mit ihnen rechnet aber der deutsche Teamchef für Olympia 2004 ebenso, wie mit den Ausnahmetalenten Waldemar Eichorn (Dillingen, TG Saar) und Fabian Hambüchen, die momentan noch ihren Juniorenverpflichtungen nachgehen.

.... aus dem JEM-Kader 2000 (Bronze in Bremen):

Lars-Gregor Biewendt

Renè Piephardt

Waldemar Eichorn

Martin Lamer

Fabian Hambüchen

Auch für den deutschen Vize-Meister EnBW KTV Stuttgart kann es eng werden. Können sich die Schwaben in dieser Bundesligasaison zwar noch einen Mehrkampf-Europameister Alexander Beresch leisten, droht aber im Folgejahr der Rückzug der "Energie Baden Würtemberg" als Sponsor und ist dafür noch kein adäquater Ersatz für ein dann entstehendes 80.000,- DM-Budgetloch in Sicht.

"Lerntraining" hieß also die Prämisse dieses Olympiakader-Lehrganges in Kienbaum, und das Auge des Besuchers konnte sich dort erfreuen an einem Dreifachsalto eines jungen Mannes am Boden: Wenn auch Thomas  Andergassen (KTV Stuttgart, Schützling von Klaus Nigl) diese absolute Rarität noch per Akrobahn und in die Grube drehte, spricht es aber doch für den Leistungswillen einer neuen, jungen deutschen Turnerdarde!
Grund und Verpflichtung genug für die Verantwortlichen des DTB, für den sportlichen Ehrgeiz dieser jungen Leute und deren Olympiapläne adäquate Strukturen und Rahmenbedingungen zu schaffen.

(Eckhard Herholz/gymmedia berlin. )

  .. lesen Sie auch: "Verjüngung durch die Orgelpfeifen-Riege"

   Auch die deutschen Turnerinnen formieren sich neu: 
Siehe Bericht vom ersten Athen-Kader-Lehrgang in Frankfurt am ersten März-Wochenende.)

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