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07-Dez-2001

Frankfurt a.M. / Germany
 

Deutsches Frauenturnen: Rückblick WM-Jahr 2001

- von Team-Coach Dr. Petra Theiss

 


P.Theiss

Bereits zu Jahresbeginn wurde die Entsendung einer Frauenmannschaft zu den Weltmeisterschaften in Gent und somit das Abschneiden im Mannschaftswettkampf zum vorrangigen sportlichen Ziel für das Jahr 2001 erklärt. Aus finanziellen Zwängen heraus musste die WM-Vorbereitung auf der Grundlage einer trainingsmethodischen Minimalplanung erfolgen, d.h. die vorbereitenden Lehrgangs- und insbesondere Wettkampfmaßnahmen müssen rückblickend sowohl vom zeitlichen als auch finanziellen Rahmen als unzureichend im Hinblick auf eine gezielte, systematische WM-Vorbereitung bewertet werden.

Internationale Turnierteilnahme konnten z.T. nur auf der Grundlage eines äußerst hohen finanziellen und ideellen Eigenengagements der Heimtrainer bzw. Vereine und Landessportverbände realisiert werden. Dennoch konnten sich die im Jahresverlauf bis zur WM 2001 erzielten internationalen Ergebnisse sehen lassen. Dies gilt insbesondere für die Weltcup-Erfolge von Lisa Brüggemann, Birgit Schweigert und Daria Bijak, als auch die Länderkampfsiege gegen Weißrussland und Niederlande/Kanada.

Die bei den Deutschen Meisterschaften gezeigten Leistungen gaben noch keinen Anlass zu allzu großem Optimismus, dennoch konnte bereits zu diesem Zeitpunkt der erwartete Favoritenkreis für das WM-Team 2001 nominiert werden. Einzige Überraschung im Kreis der WM-Anwärterinnen war Mirona Duda aus Heidelberg.


Team Germany 2001: Beeindruckender Auftritt!

Der Verlauf der WM-Endvorbereitung vom 08.10. bis 20.10.2001 in Frankfurt/M., einschließlich der aufbauenden Wettkämpfe in Niederlande und Stuttgart, ist rückblickend, sowohl aus trainingsmethodischer Sicht, als auch die emotionale Stimmungslage betreffend, als äußerst positiv zu bewerten. Im Vergleich zu den Vorjahren erfolgte eine Steigerung des Trainingsumfangs insbesondere am Balken, was sich sicher letztlich auch positiv auf das Abschneiden bei den Weltmeisterschaften auswirkte. Alle Turnerinnen zeigten eine zu den Vorjahren verbesserte Stressresistenz, was nicht zuletzt auch dadurch zum Ausdruck kam, 

dass das „geliebte“ Waldläufchen ohne größere Proteste absolviert wurde.
Die organisatorischen Rahmenbedingungen in Gent, von der Unterkunft, der Verpflegung, dem Transport bis hin zu den Trainingsbedingungen in den Trainingshallen und der Wettkampfhalle, sind rückblickend als hervorragend zu bewerten.

In diesem Zusammenhang gilt unser besonderer Dank der Firma Toyota und Herrn Prof. G.-P. Brüggemann für die Bereitstellung zweier Busse, die dem gesamten Team einen äußerst komfortablen Transport zwischen Hotel, Trainings- und Wettkampfhalle ermöglichte.

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Mit Rang 8 im Wettkampf I und Erreichen des Mannschaftsfinales übertraf die deutsche Frauenmannschaft weit die mit „Rang 15 plus“ in sie gesetzten Erwartungen. Selbst bei relativierender Einschätzung bedingt durch das Fehlen der Teams aus China, Japan und Italien, konnte das deutsche Frauenturnen einen mehr als deutlichen Aufwärtstrend markieren!


Gabi Weller (re) - nicht nur mental und psychologische  d i e  Stütze des Teams...!!

Entscheidend für das gute Abschneiden waren in erster Linie die erreichte relativ hohe Stabilität im Übungsvortrag, als auch die mannschaftliche Geschlossenheit und „gute Stimmung“ im Team während der gesamten Vorbereitung in Frankfurt als auch in Gent, wobei Gabi Weller eine tragende Rolle zukam. Das deutsche Frauenteam zeigte erstmals wieder auf internationaler Bühne ein positives, fröhliches und selbstbewusstes Auftreten, welches zukünftig allerdings noch weiter auszubauen ist, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass bei realistischer Einschätzung 2003 voraussichtlich 8 Mannschaften mit Deutschland um die Plätze 9 bis 12 und damit um die Olympiaqualifikation „kämpfen“!

Bleibt die Frage: Welche Konsequenzen ergeben sich aus trainingsmethodischer bzw. trainingswissenschaftlicher Sicht?
Die bis zum heutigen Zeitpunkt gesammelten Informationen aus der internationalen Turnszene deuten darauf hin, dass Deutschland, insbesondere im Juniorenbereich, in der Schwierigkeitsentwicklung der Übungsprogramme (Ausgangswerte) – auf Grund der bekannten defizitären Rahmenbedingungen für den Leistungssport - nach wie vor mit der erweiterten Weltspitze nicht mithalten kann.


... um nicht nur Zaungäste zu sein!

Während im deutschen Juniorenbereich die notwendigen Programminhalte für eine Olympiaqualifikation noch entwickelt werden müssen, insbesondere bedingt durch ein stark defizitäres, von den Elementstrukturen her zum Teil tradiertes Grundlagentraining, sind die oben genannten unmittelbaren Konkurrenten im Juniorenbereich bereits deutlich weiter in der Entwicklung.

Hier kann - im Gegensatz zu Deutschland - die notwendige frühzeitige Stabilisierung der Übungsprogramme in Richtung WM 2003 angegangen werden. Somit ist zukünftig, insbesondere im Juniorenbereich (Jg. 86-88), der „Spagat“ zu machen zwischen einer ausreichend hohe Anzahl an internationalen Wettkampfeinsätze und der zur Verfügung stehenden Zeit für das Lerntraining in der Vorbereitung auf die WM 2003.
Darüber hinaus ist weiter anzustreben, dass sich unsere Kaderturnerinnen frühzeitig bzw. permanent in einer belastbaren und trainingsfähigen physischen und psychischen Verfassung befinden. Während der spezifischen Vorbereitung auf Wettkampfhöhepunkte müssen zukünftig noch deutlich höhere Belastungsumfänge (Anzahl der zu turnenden Wettkampfübungen) realisiert werden, wobei der individuellen Belastungssteuerung nach wie vor Priorität einzuräumen ist.

Aus trainingswissenschaftlicher Sicht ist zur Beseitigung der bestehenden Defizite im konditionellen und technomotorischen Bereich (insb. Grundlagentechniken) im Grunde genommen die gesamte Nachwuchsarbeit im Bereich des D- und D/C-Kaders dahingehend zu revolutionieren, als junge Nachwuchstalente auf der Grundlage eines trainingswissenschaftlich fundierten Konzeptes, unter der Anleitung engagierten, zu harter körperlicher Arbeit bereiter Trainer ein umfangreiches Grundlagenprogramm, insbesondere in den Bereichen Kraft, Flexibilität, Ballett, Trampolin, Grundlagenakrobatik mit Bewegungsführung und langjähriger (!) „Schlaufenarbeit“ am Reck absolvieren.

Um für die Olympiaqualifikation 2003 die „Kohlen aus dem Feuer zu holen“ sind folgende Mindestanforderungen zu stellen:
  die Intensivierung der Akrobatikschulung möglichst mit Unterstützung eines professionellen
   Akrobatiktrainers (der russischen Schule);
  die Vermittlung von Dynamik und Ausdrucksstärke durch eine speziell ausgebildete, engagierte
   Choreografin;
  die intensivere Nutzung trainingswissenschaftlichen „Know-Hows“ und
  eine insgesamt noch deutlich positivere, optimistischere und pädagogisch
  
verantwortungsvolle Arbeitsweise der Heimtrainer im Trainingsalltag.

Die Umsetzung der genannten Forderungen in die Praxis erfordert in erster Linie die Bereitstellung zusätzlicher Finanzmittel!

Darüber hinaus ist kurzfristig ein umfassendes trainingsmethodisches, trainingswissenschaftliches und medizinisches Betreuungskonzept zu erstellen, in das die potentiellen Kandidatinnen für die Olympiaqualifikation 2003 einzubinden sind. Aufgrund der voraussichtlichen Konzentration der in Frage kommenden Turnerinnen für die WM 2003 auf einige wenige Trainingsstützpunkte, kann die Trainingsarbeit und Betreuung überwiegend dezentral erfolgen. Dies bietet den Vorteil einer enormen Zeit- und Kostenersparnis bezüglich der Reisetätigkeit der einzelnen Turnerinnen, der Gewährleistung bekannter, in der Regel leistungsfördernder Rahmenbedingungen (Schule, Elternhaus, Freundeskreis, gute Trainingsbedingungen), bedeutet aber gleichzeitig einer höheren Reiseaufwand für das Betreuungspersonal (Spezialtrainer, Trainingswissenschaftler).

Die medizinische Betreuung sollte nach wie vor zentral gesteuert werden, gleichzeitig ist dezentral das Netz der Betreuung weiter auszubauen. Im Fall besonderer medizinischer Probleme sind im Interesse einer weiterhin optimalen und insbesondere kunstturnspezifischen Betreuung auch weiterhin der Verbands- bzw. Fachgebietsarzt zu konsultieren, was in Einzelfällen seitens der Heimtrainer und Eltern ein gesteigertes Eigenengagement, insbesondere in Form von Reisetätigkeiten und Kommunikationspflege, erfordert.

Dankeschön
Zum Jahresabschluss möchte ich im Namen aller Turnerinnen und Trainer ein besonderes
Dankeschön an alle Freunde und Förderer des deutschen Frauenturnens richten, die maßgeblich an den Erfolgen im Jahr 2001 beteiligt waren. An dieser Stelle sind neben dem Bundesministerium des Inneren (BMI) bzw. dem Bundesausschuß Leistungssport (BL), welche den - wenn auch äußerst bescheidenen und für das Unternehmen „Athen 2004“ mit Sicherheit nicht ausreichenden - jährlichen Sockelbetrag für das deutsche Frauenturnen zur Verfügung stellen, der DTB-Führung, durch die wir in diesem Jahr durchaus, wenn auch primär moralischer Art, viel Unterstützung erfahren haben, und der Deutschen Sporthilfe, von deren verstärkter finanzieller Unterstützung im Jahr 2002 die individuelle Förderung hoffnungsvoller Athenkader-Turnerinnen im Wesentlichen abhängen wird, die folgenden Personen bzw. Institutionen zu nennen:

   die „Ersatzturnerinnen“ Daria Bijak und Mirona Duda, die sich während der WM-Vorbereitung bis
     zum Abreisetag in den Dienst der Mannschaft gestellt haben,

   unsere hervorragende medizinische Abteilung mit den engagierten Ärzten „Ecki“
(Dr. Rainer Eckhardt)
und
„Doc“
(Dr. Heinz Lohrer)

sowie den unermüdlichen Physiotherapeutinnen Silke Karrasch (OSP Frankfurt) und Birgit Krohme (OSP Stuttgart).

  der Olympiastützpunkt Frankfurt-Rhein-Main mit seiner tatkräftigen trainingswissenschaftlichen
    und logistischen Unterstützung des Unternehmens „WM 2001“

  der Förderverein der Kunstturnerinnen, der den beiden „Ersatzturnerinnen“ Daria Bijak und
    Mirona Duda einen WM-Besuch ermöglichte und allen Athen-Kaderturnerinnen über das Jahr
    finanzielle Unterstützung bietet,

  das gesamte Kampfrichteteam um Inge Funk und Uta Zimmler, welches eine effiziente  
    Kooperation sicherstellte ,
und last but not least

  das „GYMmedia-Team“, das uns die notwendige Plattform für eine stete Internet-Präsenz gewährt.

Vielen Dank!
Petra Theiss,
Frankfurt a.M.,  06. Dezember 2001

  ... siehe auch im GYMforum:
                          Rainer Brechtken: Einschätzungen des DTB Präsidenten zum Spitzensport