27-Sep-2001

Vor den 61. Deutschen Turnmeisterschaften der Frauen

INTERVIEW mit Bundestrainerin Dr.Petra Theiss
von Eckhard Herholz (GYMmedia)

 

Zur Person:
Seit Januar ist Dr.Petra Theiss neue Team-Chefin des DTB für das Frauenturnen und löste Dieter Koch (Bergisch-Gladbach) ab. Die promovierte Sportwissenschaftlerin war zuvor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Olympiastützpunkt Frankfurt-Rhein-Main.
E.H.:  Worin sieht die für die WM-Riege in Gent verantwortliche Trainerin den Schwerpunkt bei diesen   Deutschen Meisterschaften in Dessau?
P.Th.:  Der Schwerpunkt liegt für mich in der Qualifikation der einzelnen WM-Anwärterinnen für die WM. Alle (gesunden, voll einsatzfähigen) WM-Anwärterinnen haben im Vorfeld der DM die erste
 Hochbelastungsphase in Richtung WM Gent hinter sich gebracht und sollten in Dessau  in der Lage sein, erstmals die Früchte ihrer Vorbereitung zu ernten. (Siehe auch Theiss-Interview Januar 2001)

E.H.:   Wen erwarten Sie fünf Wochen vor dem WM im engsten WM-Kandidatenkreis?

P.Th.:  Birgit Schweigert war zwischenzeitlich 3 Wochen in London, wo sie ihre Vorbereitung in 

Absprache mit den Kölner Trainern Shanna Poljakova/Peter Brüggemann fortgesetzt hat. Seit letzter Woche trainiert sie wieder in Köln und ist bis nach der WM von der Schule befreit. Anschließend muss sie, wie die übrigen Turnerinnen auch, den kompletten Schulstoff nachholen!
Lisa Brüggemann hat wieder mal ein wenig Pech gehabt – sie musste sich am 11.9. einer Blinddarm-Operation unterziehen; ihr Einsatz zu den DM ist noch fraglich, zur WM wird sie einsatzfähig sein; im Fall einer Nichtteilnahme oder eingeschränkten Teilnahme an den DM wird Lisa, nicht zuletzt aufgrund ihrer erbrachten guten Vorleistungen in diesem Jahr, für das WM-Team gesetzt.

<<Katja Abel ist nach langer Verletzungspause wieder voll im Einsatz. Sie hat im Rahmen der bisherigen WM-Vorbereitung einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Auf ihre Leistungen dürfen wir gespannt sein.
Gritt Hofmann kann nach einer Schulterluxation Anfang des >> Jahres nur an 3 Geräten (außer Barren) an den Start gehen. Als erfahrene Turnerin räume ich ihr ebenfalls eine gute Chance ein, sich für das WM-Team zu qualifizieren.

Conny Schütz und Yvonne Musik, die beiden Newcomer im Kreis der Nationalmannschaft haben sich bereits in Oranienburg für das WM-Team angeboten. Beide haben bisher eine konsequente und äußerst fleißige Vorbereitung hinter sich gebracht

Daria Bijak ist nach ihrer erfolgreich überstandenen Fuß-Operation - dank der tatkräftigen Unterstützung von Dr. Lohrer und Prof. Zwipp in Dresden - sehr motiviert in das Aufbautraining eingestiegen. Als eine der hoffnungsvollsten Nachwuchstalente des DTB, mit der Grundausbildung im Heimatverein Greven und der speziellen WM-Vorbereitung im Kreis der Kölner Turnerinnen unter Shanna Poljakova, wird sie sich nach schnellem Heilungsverlauf zu den DM bereits wieder am Balken und Barren vorstellen.
Gabi Weller bereitet sich nach ihrer Entscheidung im Spätsommer, noch einmal „ernst zu machen“, konsequent auf die DM/WM-Qualifikation vor. Anfangs hat sie nur an zwei Geräte (Sprung/Barren) gedacht, mittlerweile ist klar, dass sie sich dem Vierkampf stellen wird. Zusammen mit Conny Schütz, Yvonne Musik und Mirona Duda hat sie im Vorfeld der DM bereits ein sehr gutes Vierkampfergebnis beim internationalen Turnier in Charleroi/Belgien geliefert.

Gabi Weller (25) >>

 E.H.:   Wenn sich eine 25 jährige Turnerin anschickt, bei einer nationalen Meisterschaft vordere Position anzustreben, ist das zweifelsfrei eine außergewöhnliche individuelle Leistung und verlangt Respekt und allerhöchste Hochachtung. Ist es aber nicht gleichzeitig bedenklich, wenn man weiß, dass das internationale Reglement nun mal vorwiegend von Turnerinnen zwischen dem 14. und 20 Lebensjahr voll ausgelotet werden kann...! Beschreiben Sie bitte die Situation betreffs Gabi Wellers DM-Einsatz.

P.Th.:  Gabi ist Anfang des Jahres aufgrund ihrer erbrachten Leistung rechtmäßig in den B-Kader aufgenommen worden und nimmt mit Sicherheit keiner jüngeren Turnerin den Kaderplatz weg. Gabi wird sich auch für die WM einzig und allein auf der Grundlage einer guten Leistung qualifizieren müssen.


Das deutsche WM-Team 1991 in Indianapolis v.l.n.r. mit: Andrea Drissler, Kathleen Kern, Jana Günther, Anke Schönfelder, Gabi Weller und Annette Potempa.

Gabi ist mit Sicherheit eine Ausnahmeerscheinung im weiblichen Kunstturnen, weshalb ihre Teilnahme an den DM und Vorbereitung auf die WM eine Herausforderung für die jüngeren Turnerinnen darstellt und keinesfalls als Deklassierung verstanden werden sollte!
Gabi hat eine sehr gute Grundlagenausbildung genossen, von der sie noch heute profitiert und die sie auch befähigt, den Schwierigkeitsanforderungen des neuen Codes z.T. zu entsprechen, d.h. sie wird nicht nur durch Reife, Ausdrucksstärke und Erfahrung zu den DM auffallen.
Gabi hat aufgrund ihrer guten Leistungen ein Stipendium in den USA bekommen, was für sie aber auch    
gleichzeitig bedeutete, mit Anfang 20 ihr Repertoire noch aufzustocken und 

gleichzeitig eine enorme Belastungsverträglichkeit und Wettkampfstabilität unter Beweis zu stellen, was ihr – wie man weiß – sehr gut gelungen ist.  
Last but not least: Worin liegt der Unterschied zwischen einer 20 und einer 25-jährigen Turnerin...?
Gabi kann durchaus zur Mannschaftsfindung und auch zum Ansehen des Kunstturnens in Deutschland einen ganz entscheidenden Beitrag liefern!

  E.H.:  Das Frühjahr brachte für einige wenige Turnerinnen einige internationale Bewährungsproben. In den letzten Monaten, wo viele Nationen ihre Turnerinnen zu großen Wettkämpfen schickten, wie Universiade, Goodwill Games machten sich deutsche Turner/innen ziemlich rar! Vorteil oder Nachteil?

P.Th.:  Zur Universiade hat sich Gabi Weller mit einer soliden Leistung angeboten, wurde aber wiederholt (!) durch den ADH und dem Bereich Leistungssport (BL) des DSB nicht nominiert, wobei folgende, meines Erachtens fadenscheinige, Begründungen angeführt wurden:
1. Gabi sei keine Perspektivturnerin (mir ist neu, dass Kunstturnerinnen im Studienalter noch dem Perspektivkader angehören sollten!)
2. Gabi hat die Hochschulmeisterschaften (aufgrund eines grippalen Infektes mit Attest!)  nicht geturnt. Sie hat aber beim Bundesligafinale ihre Leistung unter Beweis gestellt.
Fakt ist auch, dass Gabi Weller sich im ersten Drittel des Teilnehmerfeldes der Universiade platziert hätte. Die Teilnahme einer Gritt Hofmann, Linda Müller oder Silvia Schneider ist gar nicht erst diskutiert worden. Eine Teilnahme an den Goodwill Games kommt für die deutschen Turnerinnen derzeit insbesondere aus finanziellen Gründen nicht in Frage.
Ansonsten haben wir uns keinesfalls wirklich rar gemacht, sondern haben insbesondere die Anschlusskader zu kleineren internationalen Turnieren (Lugano, Trnava, Charleroi etc.) geschickt. Letztlich ist die Teilnahme an Turnieren und insbesondere Länderkämpfen aber auch an entsprechende finanzielle Ressourcen gebunden, die dem deutschen Frauenturnen – aufgrund der Förderstufe 4 - einfach nicht ausreichend zur Verfügung stehen!!!

 E.H.:   Haben Sie als Chefin Einblicke in den Ausbildungsstand der anderen Nationen, die auf ähnlichem Niveau liegen, wie Deutschland, also Länder wie  Italien, Canada, England, Weißrussland, Japan oder Niederlande, die allesamt bei der letzten WM '99 vor Deutschland lagen?

P.Th.:  Mit den Weißrussen haben wir gemeinsam trainiert und auch einen Länderkampf im Juni in Oranienburg geturnt. Gegen Kanada und Niederlande werden wir im Vorfeld der WM hoffentlich noch turnen und auf diese Weise einen Einblick in den Ausbildungsstand gewinnen. Ansonsten habe ich in erster Linie Informationen über veröffentlichte Wettkampfergebnisse und –berichte, z.T. auch über persönliche Kontakte. Fakt ist, das alle genannte Nationen sehr gute Einzelturnerinnen, gleichzeitig aber auch nach den OS Probleme mit dem notgedrungen durchzuführenden Verjüngungsprozess haben. Nicht alle haben eine Gabi Weller, Gritt Hofmann oder Birgit Schweigert, die trotz ihres „hohen“ Alters noch Spaß am Leistungssport haben. Fakt ist aber auch, dass die Mehrzahl der genannten Nationen deutlich bessere Trainingsbedingungen, insbesondere in bezug auf die Abstimmung schulischer und trainingsmethodischer Belange, aber auch in Bezug auf die vorhandenen finanziellen Ressourcen haben!

 E.H.:   Trainerstimmen waren zu hören, dass eigentlich die WM 2003 wegen der Olympiaqualifikation die wichtigere sei, nicht die von Gent. Teilen Sie diese Meinung?

P.Th.:  Natürlich ist die WM 2003 die wichtigere, schließlich geht es dort um die Olympiaqualifikation. Dennoch habe ich bereits Angang des Jahres gesagt, dass die diesjährige WM eine ganz entscheidenden Meilenstein auf dem Weg zur Olympiaqualifikation 2003 darstellt und ich alles daransetzen werde, eine deutsche Frauenmannschaft mit solider, ausgewogener Leistung und insbesondere Kampf- und Teamgeist an den Start zu bringen.

  E.H.:   Wann und nach welchen Kriterien wird das WM-Team 2001 nominiert?

P.Th.:  Eine erste Rangfolge wird nach den DM in Dessau bekannt gegeben. Die entgültige Nominierung des WM-Teams wird im Rahmen der Endvorbereitung in Frankfurt vorgenommen, wobei die Ergebnisse eines Länderkampfes, eines Testwettkampfes  sowie die erbrachten Trainingsleistungen einbezogen werden. Das Hauptkriterium wird die Mannschaftsdienlichkeit in Punkten der einzelnen Turnerinnen, abgestimmt auf den WM-Modus (6 im Team – 5 am Gerät – 4 in der Wertung) sein, da das Mannschaftsergebnis absolut im Vordergrund steht. Zusätzlich werde ich natürlich Wert auf 2-4 starke Mehrkämpferinnen legen.

 E.H.:  Was sind Ihre persönlichen Zielstellungen mit der deutschen WM-Mannschaft in diesem Jahr und wie ordnen Sie das in den Plan "Athen 04" ein?  

P.Th.:  Unsere persönliche Zielstellung ist in keinem Fall eine Verschlechterung des Ergebnis von Tianjin, d.h. Platz 15 +... und eine erste Standortbestimmung auf dem Weg nach Athen!

   67.DEUTSCHE TURNMEISTERSCHAFTEN, Dessau 2001