update: 06-APR-2002

Kienbaum / Deutschland

Deutsche EM-Qualifikation: Wunder sind nicht in Sicht

- Der erwartet schwere Neubeginn -

(von Eckhard Herholz)

 


EM-Qualifikation: Die 11 deutsche EM-Aspiranten

Wunder hatte man aber auch nicht erwartet. Wo sollten die auch herkommen? Für einige der Leistungsträger ging es nach der Weltmeisterschaft von Gent aus quasi direkt in die Grundausbildung der Bundeswehr.

So stand dann auch der Deutsche Mehrkampfmeister Thomas Andergassen am 6. Januar ziemlich hilflos und in einem - was anspruchsvolles Turnen betrifft - erbärmlichen Trainingszustand erstmals wieder in der Trainingshalle.

Nun ist dieser Junge aber höchst motiviert und startete seither wohl eine Aufholjagd in Richtung Wiedergewinnung sportlicher Form, gipfelnd in gar dreimaligem Training pro Tag, aber solche Defizite mit Blick auf diesen frühen EM-Zeitpunkt (letzte Aprilwoche) sind nicht mit links zu realisieren. Trotzdem erreichte er bereits wieder eine Form, die der vor der WM nahe kommt. Das nötigt gewaltigen Respekt ab!! 

 
So war der Stuttgarter der Beste der 11 Turner aus fünf deutschen Leistungszentren, die sich für einen EM-Einsatz empfehlen wollten. Eigentlich gelang dies wenigen so richtig, am besten noch eben Thomas Andergassen (53,85), dem Cottbuser Ronny Ziesmer (52,45), dem Chemnitzer Tom Neubert (52,25) und mit Abstrichen dem Hallenser Christian Berczes (51,95). Der Rest blieb gar unter der 50-Punkte Grenze...!
"...aber er kommt langsam wieder!" so kommentierte Stuttgarts Trainer Klaus Nigl den wieder ersten Wettkampf seit der WM seines Schützlings.

>> "Am Boden habe ich z.B. einiges ausprobiert. So gelang mir der gestreckte Doppelsalto ganz gut, den ich zum ersten Mal in der letzten Reihe geturnt habe." Allerdings ärgerte Thomas Andergassen sich sehr über die verpatzte erste Reihe mit Doppelschraube, gestrecktem Salto und Hocksalto.


Andergassen: Erster Wettkampf wieder nach der WM

Überhaupt sieht das Männerturnen am Boden fürchterlich einseitig aus, stürzen doch die meisten Athleten in technisch nur mäßig beherrschte akrobatische Vorwärtsreihen hinein, weil dabei bei direkter Verkopplung selbst ein drittes Element von einem C-Teil zu einem D-Teil aufgewertet werden und für so eine Diagonale stolze 0,5-Punkte geholt werden können - koste es an technischer Qualität, was es wolle. Das ist übrigens ein übler negativer Effekt des aktuellen Code de Pointages (Internationale Wertungsvorschrift), den man auch  international beobachten kann. Aus deutscher Sicht lagen hier die Ausgangswerte unter 9,5, Ronny Ziesmers 9,0 waren dabei der Spitzenwert am Boden. Das sagt alles.
>> Am Pauschenpferd ist aus Wertungssicht Ähnliches zu beobachten. Auch hier provoziert der Code nahezu "optische Langweiler". Fast alle Übungen sehen in ihrer ersten Hälfte gleich aus, beginnend mit Querwandern vorwärts, dann Querwandern rückwärts, dann Stöckli-Verbindungen (Flops) auf einer Pausche... Hier verschenkt sich die Sportart viel von ihrer eigentlichen Attraktivität. Das deutsche Leistungsbild ist sehr durchwachsen. Sven Kwiatkowski fehlte hier schmerzlich. 


Nonin:...nimmt wieder Maß!

Der Chemnitzer saß als Zuschauer am Rande, weil er sich tags zuvor bei einem Recksturz schmerzhaft eine Fersenprellung zugezogen hatte. 

Auch der nach langer Verletzungspause wieder aktive Dmitri Nonin - eigentlich ein Pferd-Ästhet - ist noch nicht wieder voll da und stieg ab, obwohl er im Trainerauftrag (Lutz Landgraf) alles riskieren sollte, was er momentan drauf hat: Nach Ausgangswerten eine 9,9 am Pferd, 9,7 am Barren und 10,00 am Reck - aber alle drei Übungen musste er noch unterbrechen. Für ihn ist die Zeit sehr knapp bis Patras. Andergassen kam mit seiner neuen Übung, die erstmals 10,0-Ausgangswert hatte.

>> Von der einst stolzen Ringe-Nation Deutschland zu alten Wecker-, Belenki- oder Toba-Zeiten ist nicht mehr viel übrig geblieben. Außer Andergassen und Ziesmer mit Ansätzen fehlen den meisten Turnern die Kraftqualitäten, über welche internationales Niveau überhaupt zu realisieren ist. Traurig aber wahr - auch Ringe gehört nun zu den schwachen deutschen Geräten. Schwierig zu beantworten ist auch die Frage: Was ist überhaupt noch ein starkes deutsches Gerät...?

>> Der Barren jedenfalls ist es nicht, auch wenn er für die meisten Turner dieser Welt das schwierigste Gerät ist, um Punkte zu holen. Dmitri Nonin (Berlin) turnte nach langer Verletzungspause seit Sydney überhaupt erst wieder seine dritte volle Barrenübung (inklusive Weltcup Cottbus). Viele Instabilitäten erzeugten dort keineswegs Jubelstimmung in der Halle.

>> Am an sich schwachen deutschen Sprunggerät fielen mit 9,8er-Sprungen nur Sebastian Faust (Roche), Andergassen (Tsukahara, Doppelsalto rw.) und Ronny Ziesmer (Roche) auf; ein Zehnersprung war nicht im Angebot, zweite, gleichwertige Sprünge von keinem deutschen Turner in Sicht... Der sprunggewaltige Hallenser René Tschernitschek, der als letzter deutscher Turner mal in einem WM-Finale stand (1999) ist - bei allen Potenzen - weiter ein Schatten seiner selbst. Warum eigentlich...?


Ziesmer beim Barrenabgang

Diese Situation führte sogar zuletzt zum Weltcupverzicht der Wildcard-Startchance in Cottbus...! 
Abgesehen von dieser EM-Qualifikation: Dieser Zustand der unzureichenden Sprungleistungen ist länger als ein halbes Jahrzehnt bekannt!! Greifen hier keine langfristigen Konzepte, gibt es keine individuellen Trainingspläne, keinen zentralen Steuerungsmechanismus zur individuellen Planung und Abrechnung (!!) von Leistungen...? Erzähle doch niemand, dass etwa die Athleten nicht wollen! 
Diese Art der Hinterfragung scheint wohl ein Thema nach der Europameisterschaft aber zwingend und hoffentlich noch rechtzeitig vor Athen zu sein!

>> Das Reck sah in Kienbaum zumindest einen gut aufgelegten Tom Neubert, der mit 9,6 Punkten die Höchstwertung des Tages markierte. Ansonsten registrierte man bei den 11 Startern insgesamt 8 Stürze, ging dabei auch der eben erst aus Tscheljabinsk (Russland) eingebürgerte Sergej Spiridonow gleich dreimal unfreiwillig auf die Matte.Schade, dass der Hallenser Sebastian Faust die tolle Verbindung Kovacs-Def nicht halten konnte, bot er sich doch zumindest mit überraschenden Zuwachsraten an. 
Mit seiner Woronin-Bücke und 8,7 Punkte schloss Thomas Andergassen diese ziemlich ernüchternde Qualifikation am Ende als Bester ab.

Die in ihrem ersten Seniorenjahr startenden Martin Lahmer, Lars-Gregor Biewendt (beide Berlin) und Marcel Niess (Stuttgart) gaben ihr Bestes. Aber gerade beim unmittelbaren Nachwuchs sind turntypische Eignungsprobleme mit Voraussetzungscharakter im koordinativen und konditionellen Bereich unübersehbar. Hier werden die Sünden des letzten Jahrzehnts sichtbar und bis heute ist dem Deutschen Turner-Bund kein entscheidender Strukturwandel im Bereich frühester Sichtung, Auswahl und komplexer Trainingsqualität gelungen, der zur Rückkehr in internationale Topbereiche ausreichen würde.
Nicht zur Verfügung standen außer dem aktuell verletzten Sven Kwiatkowski mit Sergej Pfeifer (Hannover) und Stephan Zapf (Stuttgart) zwei weitere WM-Turner des vergangenen Jahres.

Ergo stand Bundestrainer Rainer Hanschke betreffs der EM-Besetzung Patras also vor keiner leichten Aufgabe. Die Festlegungen nach der deutschen EM-Quali:


Abschließend: Die "Hanschke-Andacht..."!

-  In die unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) der kommenden EM gehen    
     Andergassen, Ziesmer, Neubert, Berczes und 
     Nonin
sowie
    Faust, Biewendt und Kwiatkowski.

-  Den Länderkampf am kommenden Wochenende (13.April) in Bukarest gegen Gastgeber Rumänien, Frankreich und die Schweiz  werden bestreiten:

Andergassen, Ziesmer, Neubert, Berczes, Nonin
und mit Länderkampfdebüt Sebastian Faust.
  
Der Wettkampf soll nicht nach EM-, sondern nach WM-Modus (6 Turner im Team, 5 Turner pro Gerät und 4 Turner kommen in die Wertung) bestritten werden.


-  Für die EM fest nominiert sind
    Andergassen, Ziesmer, Kwiatkowski.

Die restlichen zwei Plätze werden nach Ausgang des Länderkampfes entschieden.

Das deutsche EM-Fünferteam wird sich dann am 19. April in Berlin noch einmal im Rahmen eines Junioren-Länderkampfes vor Publikum und Juroren testen, bevor am 22. April der Abflug nach Griechenland erfolgt.

>> Anmerkung aus medialer Sicht:
Wenn schon eine EM-Qualifikation unter Trainingsbedingungen stattfinden muss (- warum eigentlich?), gehört es sich, dass man der Presse und damit der Öffentlichkeit wenigstens die Wettkampfdaten zu kommen lässt. So aber hatte der einzige Medienvertreter vor Ort in allerletzter Minute die Chance die Endnoten der ersten fünf Turner verbal mitgeteilt zu bekommen, geschweige denn, dass es irgendwann ein Wertungsprotokoll dieser "Veranstaltung" gab.
Man beschwere sich nicht über zu geringe Pressepräsenz!
... übrigens sprach da gerade der DTB-Präsident über "Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung von Turnen und Gymnastik"...?!      (>> siehe auch "Deutsches Turnen", Ausgabe 4/2002)
"Wir werden uns innerhalb des DSB mit den Szenarien befassen müssen, die sich aus dieser medialen Entwicklung für die Zukunft der einzelnen Sportarten ergeben. Dies ist ein weiterer Aspekt unserer Aufgabe zur künftigen „Wahrnehmung von Turnen und Gymnastik” - so dort Rainer Brechtken.

Bei solch luschiger "EM-Quali-Inszenierung" im öffentlichen Unerheblichkeitsbereich werden gewaltige Chancen - auch betreffs der Motivation der Athleten - vertan. Welche Bedeutung soll denn da wohl eine EM haben, wenn man im Magnesia-Stübchen unter alltäglichen  Trainingsalltagsbedingungen, mal gerade so einen Trainingswettkampf macht....? Lassen sich hier nicht DTB-Landesverbände stärker in die Pflicht nehmen, würdigere Bedingungen für Athleten  u n d  Öffentlichkeit zu schaffen?
... sonst kommt bald wirklich kein Journalist mehr zum Turnen!! 
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Eckhard Herholz (gymmedia)

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