Mit
einem «Zittersieg» über den WKTV Stuttgart hat der SC Cottbus am Wochenende
seinen dritten deutschen Meistertitel unter Dach und Fach gebracht. Statt Sekt und
Jubelarien gab es am Samstagabend im Cottbuser Vorort Kolkwitz für die Champions erst
einmal das Abräumen der Geräte. «Wir haben lange gebangt, dass uns nicht noch Hannover
mit einem klaren Erfolg in Berlin den Titel streitig macht», erklärte Meister-Trainer
Gunter Schönherr die ungewöhnliche Situation. Erst als über Handy eine Viertelstunde
später die Nachricht vom Berliner Sieg nach Kolkwitz drang, klatschten sich die Lausitzer
ab und durften sich über den dritten Titel nach 1991 und 1992 freuen.Kurioserweise
stimmten die Stuttgarter in den verspäteten spontanen Jubel ein, denn durch das Berliner
Resultat retteten sie zumindest die Vize-Meisterschaft.
Die Riege des Titelverteidigers um Olympiasieger Andreas Wecker
hatte den TK Hannover mit einem haushohen 12:0 Geräte-Erfolg bezwungen und damit
verhindert, dass neben Cottbus und Stuttgart auch der TKH noch ein Wörtchen um den Titel
mitredet. Berlin rettete sich damit in letzter Sekunde noch auf den Bronzerang.«Für mich
ist der Titel eine Sensation», konstatierte Cottbus-Sportwart Bernd Heide
nach dem Erfolg der Lausitzer, die derzeit keinen Auswahlturner in ihren Reihen haben.
Überragender Mann der Lausitzer war der Ukrainer Alexander Swetlitschny,
der mit 9,65 Zählern am Barren für den Tagesbestwert sorgte. An Boden, Pferd und Barren
sammelten die Lausitzer - angefeuert von über 500 Zuschauern in der ausverkauften Halle -
genügend Punkte, die der bislang ungeschlagene Ex-Champion aus Stuttgart mit den Erfolgen
an den anderen drei Geräten nicht ausgleichen konnte.«Es war eine Zitterpartie, aber wir
haben den Titel verdient gewonnen», freute sich Kapitän Karsten Oelsch,
der mit einer starken Barren-Übung seinen unfreiwilligen Abgang vom Reck kompensiert
hatte. «Da wird man fast zum Strahlemann. Jetzt verhandelt es sich leichter mit den
Sponsoren», erklärte SCC-Präsident Rudolf Hagemeister. Bei den Gästen war vor allem
Leistungsträger Waleri Belenki auf Grund seiner Schulterverletzung
gehandicapt. Nur beim Sprung gelang es Belenki mit einer 9,20 seine Serie mit Noten unter
neun Punkten zu durchbrechen.
In Berlin sorgte Andreas Wecker mit tollen 57,05 Punkten im Sechskampf für
die «halbe Miete». Seine Ringe-Übung wurde mit glänzenden 9,75 Punkten
bewertet. «Wenn wir schon den Titel nicht verteidigen konnten, so haben wir uns mit dem
überraschend klaren Erfolg den dritten Platz verdient», sagte SCB-Chef Siegfried
Wüstemann.
Absteiger aus der Eliteliga ist der TuS Leopoldshöhe, der in der gesamten Saison
nur einen Sieg verbuchen konnte. In die Relegation mit den Siegern der beiden
Zweitliga-Staffeln muss Bremen 1860..
Die Prognose erfüllt sich
Stuttgarter Turner verlieren
KOLKWITZ. Die Kunstturner der KTV Stuttgart sind dem deutschen Meistertitel so nah
gewesen. Ein Sieg im Bundesliga-Wettkampf beim SC Cottbus und der Titel wäre perfekt
gewesen. Doch die Schwabenriege hat knapp verloren und ist nur Vizemeister geworden.
Von Jürgen Roos |
Gefunden
in der

(06-12-99) |
Was den Fußballern das Elfmeterschießen, ist
den Turnern das Reckturnen. Am Ende jedes Bundesliga-Wettkampfs müssen sie an das so
genannte Königsgerät. Immer abwechselnd: einer vom
einen, danach einer vom anderen Klub. Statt ¸¸Drin oder nicht drin?'' lautet beim Turnen
die entscheidende Frage: Erwischt er nach dem Flugteil die Stange oder nicht? Und noch
etwas ist ähnlich wie beim Elfmeterschießen: Wenn eine Riege Glück hat, kann das
Reckturnen den gesamten Wettkampfverlauf auf den Kopf stellen. Für die Zuschauer ist
dieser Showdown das Spannendste beim Turnen. Weil jeder sehen kann, wenn einer die Stange
verfehlt und unsanftauf den Matten landet ...
In Cottbus lagen die Turner der KTV Stuttgart nach fünf Geräten mit 1,325 Punkten
zurück. Und natürlich hofften
sie auf den Reckeffekt. Vier Übungen perfekt turnen und dem Gegner die ein oder andere
Flugstunde
gönnen - in sportlich-fairem Rahmen, versteht sich. Die Rechnung ging nicht auf, obwohl
die Cottbuser nervös waren; die Stuttgarter machten die Fehler nämlich selbst. Frank
Zimmermann patzte bei einer einfachen Kippe, und der Ukrainer Alexander Beresch segelte
schließlich bei einem komplizierten Kovacs-Salto mit ganzer Schraube an der Stange
vorbei. Da nützten selbst die starken 9,45 Punkte von Routinier Uwe Billerbeck nichts
mehr. Der Titel war weg.
In der Sporthalle der kleinen Gemeinde Kolkwitz, wo die Wiener Wurst eine
und die Bockwurst nur zwei
Mark kostete, standen Kapitän Billerbeck und KTV-Trainer Anatolli Jarmovski noch eine
ganze Weile beisammen und besprachen mit ernster Miene, was da passiert war. ¸¸Wenn's um
die Meisterschaft geht, dürfen solche Fehler nicht passieren'', schimpfte Billerbeck. Der
29-Jährige sprach aber nicht nur das Reck an, sondern auch die großen und kleinen
Verfehlungen, die sich seine Riegenkollegen am Boden, am Pauschenpferd und dem Barren
geleistet hatten. Zu viele, um den solide turnenden Cottbusern den Titel streitig zu
machen. ¸¸Wir haben sehr gut geturnt'', befand dagegen Trainer Jarmovski, der insgeheim
eine schlechtere Leistung seiner sieben Schwaben erwartet hatte. Für den Russen war der
Fehler in der Stuttgarter Meisterschaftsrechnung schon früher klar: Weil Waleri Belenki
wegen seiner Schulterverletzung (Sehnenentzündung) nur drei seiner fünf Geräte turnen
konnte, hätten die anderen sechs schon über sich hinauswachsen müssen.
Belenki und seine Schulter. Vor dem Wettkampf hatte es noch Diskussionen
gegeben, ob der 30-Jährige überhaupt starten soll. Trainer Jarmovski und Mannschaftsarzt
Ralph Kern rieten ihm ab. ¸¸Wenn sich die Verletzung verschlimmert, sind auch die
Olympischen Spiele futsch'', beschwor Kern den Kämpfer Belenki. Aber der blieb stur,
holte an Boden, Ringen und Pferdsprung Punkte, die auch nicht zum Sieg reichen sollten.
Jarmovski atmete trotzdem auf. ¸¸Das Risiko war hoch, aber er hat geturnt. Wichtig ist
jetzt, wie es bis Olympia weitergeht'', sagte der Trainererleichtert.
Mit Belenkis Teilausfall wurde freilich im wichtigsten Wettkampf
deutlich, was in dieser Saison der Schwachpunkt bei der KTV war: Die Riege war zu dünn
besetzt. Fiel ein gesetzter Turner aus, war kein zweiter in der Lage, nur annähernd die
gleiche Punktzahl zu turnen. ¸¸Ein gesunder Belenki hätte uns allein am Pauschenpferd
und am Barren zwei Punkte mehr gebracht'', sagte Uwe Billerbeck. Am Ende waren es 1,025
Punkte, die den Stuttgartern zur Meisterschaft fehlten.
Besserung ist in Sicht. KTV-Sportchef Jürgen Garziella ärgerte sich
zwar über die ¸¸Geschenke'', welche die Stuttgarter den Cottbusern gemacht hatten, die
Aussicht auf die nächste Saison ließ ihn aber wieder ein wenig zufriedener dreinblicken.
¸¸Wir werden einige Turner dazubekommen'', sagte er, ¸¸dann dürfte es keine
personellen Engpässe mehr geben.'' Der Plan für die Saison 2000 sieht vor, dass die WKG
(Wettkampfgemeinschaft) Stuttgart in der KTV aufgehen soll. Die WKG turnt in der
Regionalliga und ist eine Art ¸¸Farmriege'', in der die Talente aus Stuttgart und
Umgebung zusammengefasst sind. ¸¸Die Jugendlichen können die Lücken schließen'',
sagte Garziella. Und: ¸¸Im nächsten Jahr ist unser Ziel ganzklar der Titel.''
Wie echte Meister aussehen, können die Stuttgarter nun ein ganzes Jahr lang im Fotoalbum
ihres Riegenkollegen Robert Mai besichtigen. Als die Cottbuser ihre Mannschaftsbilder
machten, stellte Mai sich neben die Fotografen auf einen Stuhl und knipste munter mit. Im
nächsten Jahr will er wieder selbst fotografiert werden.'
(Jürgen Roos) |