1. KUNSTTURN
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BUNDESLIGA 

(13-11-99)

EnBW KTV STUTTGART - KTV CHEMNITZ

- 2.Wettkampftag der Meisterrunde -
(- Westsporthalle in der August-Bebel-Strasse, Stuttgart -)

(2. Begegnung: TK Hannover - SC Cottbus
  3. Begegnung:  SV HALLE - SC BERLIN  

Glücklicher Sieg für Belenki & Co
Chemnitz bereitete den Stuttgartern riesige Probleme

Von Reinhard Linder

Uwe Billerbeck ist ein Meister seines Faches. Waagerechter lässt sich ein Kopfkreuz einfach nicht mehr turnen. Foto: lin

Die EnBW KTV Stuttgart kann weiterhin von der deutschen Meisterschaft träumen. In einem dramatischen Wettkampf setzte sich die Riege um Valeri Belenki am Samstag in Stuttgart vor rund 400 Zuschauern mit 214,7:212,975 Punkten gegen die starken Gäste aus Chemnitz durch. Damit sind die Schwaben vor dem letzten Wettkampftag als einzige Mannschaft verlustpunktfrei und können in Cottbus den Titel holen.

Um ein Haar hätte am Samstag die KTV Chemnitz die Punkte aus der Landeshauptstadt entführt. Denn zum einen hatte Alexander Beresch einen rabenschwarzen Tag erwischt - er musste sowohl am Seitpferd, als auch an den Ringen absteigen. Und zum anderen konnte Publikumsliebling Valeri Belenki aufgrund einer schweren Schulterverletzung nur dreimal ins Geschehen eingreifen. Der Ex-Weltmeister am Pauschenpferd musste ausgerechnet an seinem Paradegerät auf einige Schwierigkeiten verzichten, die ihn mehrere Zehntel kosteten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht verzog er sich nach seiner Übung in einen Winkel der Stuttgarter Halle West. Damit war der Wettkampfplan von KTV-Coach Jürgen Garziella Makulatur: Die an den Ringen und am Barren als Joker vorgesehenen Stephan Zapf und Frank Zimmermann mussten für ihren verletzten Kameraden antreten und die Kastanien gegen stark turnende Chemnitzer aus dem Feuer holen. Beide machten ihre Sache außerordentlich gut. Auch die beiden Routiniers Robert Mai und Uwe Billerbeck sowie der Youngster Sergei Erjutin glänzten mit sauberen Übungen, so dass Garziella nicht in die Verlegenheit kam, einen Joker aus dem Nichts zaubern zu müssen.

Von Beginn an machten die Chemnitzer deutlich, dass sie keineswegs gewillt waren, den Stuttgartern als Kanonenfutter zu dienen. Aus den bisherigen Ergebnissen war abzuleiten, dass sie eigentlich nicht den Hauch einer Chance gegen die Stuttgarter haben dürften. Doch im Wettkampf gelten nun mal andere Gesetze. Allein schon der Fast-Ausfall Belenkis spornte die Sachsen zusätzlich an. Insbesondere Igor Wichrow wuchs über sich hinaus und ging mit 56,08 Punkten als bester Turner an diesem Tag in die Annalen ein. Seine Mannschaftskameraden standen ihm in nichts nach, so dass die Chemnitzer ihr bestes Ergebnis in dieser Saison einfuhren. Den Grundstein legten sie bereits am Boden. Tom Neubert, Andreas Dietz und Wichrow legten so hohe Wertungen vor, dass sich Kwiatkowski (9,1) bei seiner 10-er-Übung mit drei Gogoladses sogar mehrere Fehler erlauben durfte, ohne den Gerätesieg zu gefährden. Neidlos mussten die Stuttgarter die Überlegenheit der Gäste anerkennen. Dabei klappte bei ihnen alles wie am Schnürchen. Robert Mai (8,35) und Stephan Zapf (8,5) blieben fehlerfrei, Alexander Beresch (9,4) vergaß dieses Mal sein Kraftteil nicht und versetzte mit seinen Akrobatikbahnen das Publikum in Entzücken. Phantastische Haltungsnoten kassierte Belenki. Verletzungsbedingt konnte er nur eine Übung mit dem Ausgangswert 9,1 zeigen, von der die Kampfrichter lediglich drei Zehntel abziehen konnten.

Eine sehr schöne Übung mit der Wanderkombination Magyar-Sivado-Magyar brachte Erjutin am Seitpferd 9,15 Punkte ein. Damit zogen die Stuttgarter weit an den Chemnitzern vorbei, denn deren erster Mann, Tom Neubert, schlug zweimal an den Pauschen an und musste gar das Pferd verlassen. Zapf (9,4) nahm seinem direkten Konkurrenten Leif Beuth weitere 0,5 Punkte ab, so dass alles nach einem sicheren Sieg der Gastgeber aussah, obwohl Wichrow (9,4) und Kwiatkowski (9,55) makellose Übungen zeigten. Schließlich traten mit Ex-Weltmeister Belenki und dem WM-Vierten Beresch noch zwei Ausnahmenkönner an das Gerät. Doch der Ukrainer erwischte einen rabenschwarzen Tag. Nach seinem Fedortschenko kam er aus dem Gleichgewicht und musste absteigen Von seinem 10-er Ausgangswert blieben gerade noch 9,05 Punkte übrig. Und Belenki konnte sich nur im Schongang über die Pauschen schwingen. Von seinen 9,4 Punkten Ausgang blieben zwar 9,15 übrig, normalerweise steuert er aber fünf Zehntel mehr zum Ergebnis bei. Das Schlimmste: Belenkis Schmerzen wurden schier unerträglich. Nur mit Mühe konnte er die Tränen zurückhalten. Sowohl Coach Garziella als auch Trainer Anatoli Jarmowski versuchten ihren Schützling zu trösten. Schließlich bedeutet die Verletzung, dass er auf einen Start beim Grand-Prix-Turnier in Zürich verzichten muss und sogar seine Teilnahme am DTB-Pokal in Stuttgart ist in Gefahr.

Sven Kwiatkowski und seine Equipe machten den Stuttgartern das Leben ganz schön schwer. Foto: lin

Wie sehr Belenkis Ausfall seine Mannschaft schwächte erwies sich bereits an den Ringen. Frank Zimmermann sprang für ihn ein, konnte aber mit 7,85 Punkten lediglich Schadensbegrenzung betreiben. Zapf (9,35) und Uwe Billerbeck (9,25) turnten gewohnt sicher, aber Beresch unterlief zum zweiten Mal ein Malheur: Nach seiner Guzoghy-Kombination blieb er nicht wie gewollt im Handstand stehen, sondern er schwang durch. Auch der nächste Versuch und der übernächste missglückten. Völlig konsterniert brach er seine Kür ab und fing neu an. Seine 8,2 Punkte reichten bei weitem nicht aus, um den zweiten Gerätesieg zu verbuchen. Über diesen konnten dagegen die Chemnitzer jubeln. Anders als Beresch brachte Dietz seine Guzoghys in den Handstand , Wichrow (9,5) und Kwiatkowski (9,1) machten mit ihren 10-er Übungen alles klar. Völlig unerwartet lagen die Gäste bei Halbzeit mit fast acht Zehntel in Führung.

Nur eine Glanzleistung am Sprung konnte die Stuttgarter noch retten. Aber hier tauchten gleich vier Unsicherheitsfaktoren auf. Sowohl Mai als auch Zimmermann setzen ihre Kasamatsus öfters auf den Hosenboden, Bereschs Überschlag-Doppelsalto birgt ohnehin ein großes Sturzrisiko und Belenki war verletzt. Doch dieses Mal ging alles glatt. Alle vier Turner sprangen eine Neun vor dem Komma, so dass der Sprung mit 37 Punkten zum besten Gerät der Stuttgarter avancierte. Gleichzeitg riss die Glückssträhne der Chemnitzer. Andreas Muth kam bei seinem Kasamatsu zuerst mit der Hand auf, weshalb Neubert als Joker mit einem Yurtchenko zum Einsatz kam, der ihm 8,4 Punkte eintrug. Kwiatkowski hatte zuvor für seinen Yurtchenko mit eineinhalbfacher Schraube 9,25 Punkte kassiert und Wichrow für seinen Tsukahara mit Doppelschraube 9,40. Beide Augen zugedrückt hatten die Kampfrichter bei Andreas Dietz. Auch dieser zeigte einen Yurtschenko, berührte aber bei der Landung nach Meinung der meisten Zuschauer erst mit dem Po die Matte und dann erst mit den Füßen. Doch die Kampfrichter ließen Gnade vor Recht ergehen und schenkten ihm statt einer Null noch ganze 8,8 Punkte.

Mit fast 1,5 Punkten Vorsprung wechselten die Athleten an den Barren. Zapf (8,25) vertrat den verletzten Belenki recht ordentlich und auch Frank Zimmermann (8,35) ließ nichts anbrennen. Mit einer wunderschönen Kür trotzte Billerbeck dem Kampfgericht 9,3 Punkte ab. Beresch fand zu seiner gewohnten Form zurück und kassierte gar 9,7 Punkte. Dies reichte trotzdem nicht zum Gerätesieg, der aufgrund einer geschlossenen Mannschaftsleistung an die Chemnitzer ging.

Auf einen halben Punkt war der Vorsprung der Stuttgarter vor dem abschließenden Gerät geschmolzen. Und dass die Gäste eine starke Recktruppe beisammen haben, ist bekannt. Dagegen greifen Zapf und Billerbeck bei ihren Kovac-Salti öfters mal neben die Stange, Zimmermann landet ebenfalls hin und wieder ungewollt auf der Matte und Beresch war an diesem Tag einfach nicht einzuschätzen. Die Nerven der Gastgeber waren zum Zerreißen gespannt. Doch die erste Erlösung nahte in Gestalt von Tom Neubert. Bei seinem Kovac segelte er weit an der Reckstange vorbei und konnte nur 8,2 Punkte sammeln. Dagegen fing Zimmermann seine Katchev-Grätsche und seinen Ginger-Salto sicher auf, was ihm 8,75 Punkte eintrug. Eine saubere Kür mit den Höchstschwierigkeiten Kovac und Stalder mit halber Drehung trug dem Chemnitzer Dietz 9,05 Punkte ein. Dieselbe Wertung holte sich Zimmermann mit einem Kovac und einer Endo-Kombination im Ell-Griff. Noch besser turnte Igor Wichrow (9,25) der ebenfalls einen Kovac-Salto in seine Übung einbaute. Uwe Billerbeck zeigte das gleiche Flugelement, rutschte aber mit einer Hand ab und musste nachfassen. Lediglich 8,15 Punkte konnte er auf seinem Konto verbuchen und damit den Wettkampf wieder offen gestalten.

Vor den beiden Schlussturnern lagen die Chemnitzer plötzlich mit einem Achtel-Punkt in Führung. Kwiatkowski musste als erster an das Gerät. Und er zeigte Nerven. Bei seinem Kovac fand er sich auf der Matte wieder und anschließend blieb er auch noch bei einer Riesenfelge im Ell-Griff hängen. Den Chemnitzern blieb nichts übrig, als die Jokerkarte zu ziehen.

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Kwiatkowski:
Nerven!

  In Sekundenschnelle reagierten Garziella und Jarmowski: "Nur nichts riskieren", schärften die Trainer ihrem Schützling Alexander Beresch ein. Dieser befolgten den Rat und ließ bei seinem Kovac-Salto die Schraube weg. Trotzdem kam er spielend auf einen Ausgangswert von 10 Punkten, von denen die Tageshöchstnote 9,7 übrig blieben. Damit war der Wettkampf entschieden, denn dass Joker Leif Beuth die Leistung des Ukrainers noch toppen könnte, war ausgeschlossen. Beuth versuchte zwar alles und ging volles Risiko. Doch beim Kovac-Salto gelangte er nur mit einer Hand an die Reckstange. Er ließ nicht los, wurde von den enormen Fliehkräften in die Höhe katapultiert, krachte mit voller Wucht auf die Stange und purzelte zu Boden. Nach einer Schrecksekunde rappelte er sich wieder auf und turnte seine Übung zu Ende. Seine 7,95 Punkte waren aber nicht mehr als Ergebniskosmetik.
Völlig aus dem Häuschen über den glücklichen Sieg fielen sich die Stuttgarter in die Arme. Denn mit diesem Erfolg haben sie jetzt die besten Chancen, am 4. Dezember in Cottbus  zum Meisterschaftsfinale wieder den Mannschaftstitel zu holen.

(Reinhard Linder)

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