update: 27-Dez-2004

Berlin

Im Stile einer Turnerin: Abel plant angemessenen Abgang
- Katja Abel schließt Planung für Abschieds-WM 2005 nicht aus

- von Doreen Mechsner / DIE WELT


Katja Abel

Den Balken hat sie nie gemocht. Jahrelang hatte sich Katja Abel dagegen gewehrt, beim Jahresabschluss ihres Klubs SC Berlin an dem Gerät Kunststücke vorführen zu müssen. In diesem Jahr blieb ihr nichts anderes übrig.
Anfang Februar hat sich die einst beste deutsche Turnerin beim Training beide Arme gebrochen. Nun ist der Schmerz zwar weg, aber das Vertrauen noch nicht zurück. Statt ihr Publikum also wie sonst in 40 Sekunden Schnelldurchlauf am Barren zu verzücken, quälte sich die mehrmalige deutsche Meisterin beim Weihnachtsturnen vergangenen Donnerstag zwei Minuten und 20 Sekunden über den Balken - mit Salti ohne Armeinsatz und primär tänzerischen Elementen. 

Und beim sogenannten Rondat- Abgang hielten die Arme ihren wirbelnden Körper schon wieder im Gleichgewicht und schwangen ihn sauber auf die Füße.
Neben einem simplen Handstand ist der Rondat, die Radwende mit geschlossenen Beinen, das einzige Element, bei dem Abel, nach zehn Monaten Zwangspause, schon wieder auf ihre Arme vertraut. Meilenweit noch ist die Bundeswehrsoldatin weg von dem Niveau, das sie bis zum 6. Februar des Jahres hatte und das sie bis zu den Olympischen Spielen nach Athen bringen sollte.

Mit ihrem Unfall leitete die 21 Jahre alte Abel ein fatales Jahr für ihren Sport ein. Als kurz vor den Spielen der Cottbusser Ronny Ziesmer schwer beim Training verunglückte und nach einem Bruch der Halswirbelsäule und einer Verletzung des Rückenmarks gelähmt blieb, geriet die Spitzensportakrobatik an Reck und Ringen, an Barren und Balken in den Ruch, ein unvertretbares Risiko für junge Sportler darzustellen. Dabei rangiert Turnen in den Statistiken über Unfallhäufigkeiten nur an siebter Stelle bei Männern hinter allen populären Ballsportarten, Gymnastik und Judo sowie an vierter Stelle bei Frauen.

Auch die wackere Abel, die ein gipsreiches Jahr hinter sich weiß, müht sich, die Verhältnisse gerade zurücken, damit aus der Zufälligkeit zweier schwerer Havarien nicht eine grundsätzliche Verdammung ihres Sports hergeleitet wird: "Ich weiß, wie es zu meinem Sturz, Ronny weiß, wie es zu seinem gekommen ist", behauptet Abel, "das waren jeweils Verkettungen blöder Umstände."

Sie hat alles abgespeichert. Wie im Film: Es war ein Freitag, 15.30 Uhr. Flugelemente am Stufenbarren. Mit zu viel Schwung aus der Stalder Halbe. Sie sieht, wie sie "dummerweise" den Holm nicht zu fassen kriegt, wie sie hinabsaust, wie sie auf den Kopf zu schmettern droht und wie sie schnell ihre Arme zum Schutz ausstreckt. Ewig, sagt sie, habe ihr Trainer das Knacken nicht aus dem Kopf bekommen.

Sie selbst hört sich nur schreien. Dann sieht sie ihre lädierten Arme. "Das geht doch gar nicht" denkt sie. Dann beginnt sie schon zu rechnen. Hin und her und doch umsonst: "Olympia ist gegessen."

Zeit, ihrem Sportlertraum nachzutrauern, hat Abel nicht. Zu sehr beschäftigen sie die Gedanken an die vielen, nicht zu umgehenden Maßnahmen, die nun folgen werden. Noch am Abend wird sie im Bundeswehrkrankenhaus operiert, zehn Tage später ein zweites Mal. Für Abel ist es nach Rückenproblemen und einem verschleppten Handgelenksbruch die dritte große Unterbrechung ihrer Karriere. Oder das Ende? "Bereits zwei Tage nach dem Unfall, während mir die Zähne geputzt wurden", erinnert sie sich, "hat mich doch echt jemand gefragt, wie es weitergehen soll."

Längst hat sich seither die öffentliche Einstellung zum Turnen gewandelt. Im Hintergrund hat der Präsident des nationalen Verbandes, Rainer Brechtken, nach Kräften Lobbyarbeit betrieben. Schließlich werden ihm erhebliche Ambitionen nachgesagt, einmal den organisierten Sport der Republik anzuführen. Das Übrige hat ein kleiner Artist in Athen erledigt: Seit Fabian Hambüchen (17) mit Reckübungen und dem siebten Platz beim Olympiafinale sensationelle 9,64 Millionen Zuschauer vor die Fernseher lockte, gilt der Turnsport als rehabilitiert.

Auch Abel plant schon wieder ganz im Stile einer Turnerin: einen schönen Abgang. Im Februar werden ihr die Platten aus den Armen entfernt. Dann kann sie richtig loslegen. Zum Karrierenabschluß böte sich die Einzelweltmeisterschaft in Melbourne im November an. "Ich hätte", dämmert es ihr, "verdammt wenig Zeit, fit zu werden."
Quelle: DIE WELT /  Doreen Mechsner

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... mehr zu Katja Abel:

>> Der Unfall 2004
(GYMmedia, 09-Feb-04)


>> Kunstturnen gegen die Uhr" (Berliner Zeitung 2000)


>> "Die besten Freunde... Barren und Balken..."
(GYMmedia 2000)