update: 15-Jul-2007

:ÖFT-Information
Österreichs Kunstturnerin Hasenöhrl
erklärt Rücktritt vom Leistungssport

QUELLE:  Österreichischer Fachverband für Turnen (ZVR-Zahl 855650079), Sportkoordinator Mag. Robert Labner .


Nach überwundenem Halswirbelbruch beendet ein Kreuzbandriss die Karriere.

Es gibt Ereignisse, die sind in höchstem Maße ungerecht:


Carina Hasenöhrl,
Österreichs beste Kunstturnerin seit über vier Jahren,
hatte sich nach ihrem schrecklichen Halswirbelbruch im vergangenen November entgegen aller Prognosen tatsächlich wieder in den Hochleistungssport zurück gekämpft.
Beim Comeback-Wettkampf passierte die nächste „Tragödie“ (Nationaltrainerin Johanna Gratt).

Nun stürzte Hasenöhrl beim Abgang vom Schwebebalken und erlitt einen Kreuzbandriss im rechten Knie.
Die 19jährige Klagenfurterin: „Mir war augenblicklich klar, dass mein Olympiatraum endgültig geplatzt ist und das jetzt mein Karriereende“.
Der neuerliche Unfall passierte bei den holländischen Meisterschaften
bereits vor genau einem Monat am 16. Juni. Hasenöhrl: „Ich mache meinen Rücktritt erst heute öffentlich, weil ich diese Zeit gebraucht habe, um meine Gedanken zu ordnen und über die große Enttäuschung hinweg zu kommen“.      ( >> Carina Hasenöhrls Rücktritts-Erklärung)
I
n der Zwischenzeit bestand Carina Hasenöhrl in Alkmaar, ihrer Trainings-Wahlheimat der letzten Jahre, auch die Matura mit einem sehr guten Zeugnis, nahm Abschied von allen Freunden und übersiedelte zurück nach Hause nach Klagenfurt.

Unvollendete Sportkarriere einer Ausnahme-Persönlichkeit.

Österreichs ununterbrochene Ranglisten-Spitzenreiterin seit 15. Juli 2003:
 „Nach meinem schweren Trainingsunfall am 7. November des letzten Jahres und dem dabei erlittenen Halswirbelbruch war ich schon sehr nahe am Rücktritt. Aber dann kam die Europameisterschaft in Amsterdam und ich war als Reporterin des ÖFT wieder mitten im Geschehen. Da hat mich der Virus der Begeisterung für diesen faszinierenden Sport wieder voll befallen. Der Halswirbelbruch war toll verheilt, seit April konnte ich wieder voll trainieren. Mein Ziel war klar: Qualifikation für die WM Anfang September in Stuttgart, die wiederum die einzige Qualifikationsmöglichkeit für Peking 2008 ist. Denn die Olympischen Spiele waren schließlich das große Ziel, für das ich alle diese Strapazen auf mich genommen hatte“.

Der Olympiatraum Hasenöhrls – für den die nicht nur sportliche Ausnahmeerscheinung bereits 2001 als erst 13jährige mutterseelenallein, gegen alle (elterlichen…) Widerstände und ohne Sprachkenntnis nach Rumänien übersiedelt war, um in der dortigen Weltspitzen-Kaderschmiede Deva optimale Trainingsmöglichkeiten zu erhalten – bleibt unerfüllt.
Später erfolgte dann Anfang 2004 der Wechsel ins niederländische Turnzentrum nach Aalkmaar„Obwohl mein Formaufbau perfekt war. Von Tag zu Tag merkte ich Fortschritte und ich spürte förmlich, wie ich mich meiner Bestform näherte. Am 16. Juni standen die holländischen Meisterschaften an, der ideale Zeitpunkt für mein Comeback. Leider hat der schönste Tag meines Lebens nur bis zum ersten Gerät gedauert. Nach einer stabilen Kür habe ich den Absprung zur Landung nicht optimal erwischt, landete zu tief und das Kreuzband war gerissen“.
Sarkastischer inoffizieller Nachsatz: Entweder habe ich in einem früheren Leben irgendetwas Grauenhaftes angestellt, für das ich jetzt bestraft werde … oder es soll einfach nicht sein. Ich war wirklich gut unterwegs und hätte das WM-Limit locker geturnt. Und vor allem: Ich hatte enormen Spaß an der Sache, ich hab’ mich noch nie so auf einen Wettkampf gefreut wie auf diesen. Ich war total relaxed und irrsinnig in Form“.

Ab Herbst Chemiestudium in Graz

Carina Hasenöhrl verzichtet(e) auch wegen der Matura auf eine Operation, versucht ihr verletztes Knie mittels intensiver täglicher Physiotherapie und konservativen Rehabilitationsmaßnahmen zu heilen:
 „Dem Knie geht es gut, der Moral nicht. Ab Freitag fliege ich mit meinem Bruder für zwei Wochen auf Urlaub in die Türkei. Im September werde ich zwei Wochen in Rumänien verbringen – eine am Meer und eine, um mich quer durch das Land bei allen zu bedanken, die ich dort kennen gelernt habe. Im Herbst starte ich in Graz mit dem Chemiestudium. Mein Ziel ist es, später als Wissenschafterin im Laborbereich, vielleicht in der Medikamentenentwicklung zu arbeiten. Ich habe zwar immer gesagt, dass ich nie-nie-nie Trainerin werden möchte. Aber zuletzt habe ich in Holland begonnen, mit Kindern zu trainieren, und das hat mir überraschend großen Spaß gemacht“.

Die Chancen stehen also gut, dass Carina Hasenöhrl dem Turnen erhalten bleibt. Graz darf sich freuen…

Eine Karriere in Stichworten:

  • 10 österreichische Staatsmeistertitel (1x 2006, je 3x 2004 und 2005, 2x 2002, 1x 2001)

  • 7 weitere österreichische Meistertitel in Nachwuchsklassen zu Karrierebeginn.

  • Mehrere holländische Meistertitel und internationale Meeting-Siege.

  • 5. Platz beim Weltcup 2005 in Glasgow.

  • EM-Finalistin 2005 in Debrecen.

  • 3x WM-Teilnahme (2006, 2005, 2003) und 2x EM (2005, 2004; freiwilliger Verzicht 2006).

  • 2001 bis 2003 Training in Rumänien, nach Auflösung der Trainingsgruppe ab 2004 in Holland;

  • Pausenlose Nr. 1 der ÖFT-Kunstturn-Rangliste vom 15. Juli 2003 bis (voraussichtlich) 15. November 2007.

Was man zwischen den Zeilen heraus lesen muss:

Carina Hasenöhrls Turnkarriere ist eine sehr tragisch unvollendete. Sie wählte schon als kleines Mädchen alles andere als den „typisch österreichischen“ Weg, suchte nie den schnellen oder plakativen Erfolg, sondern stets die steinigste Route. Wer als 13jährige danach drängt, nach Deva/Rumänien an den wahrscheinlich härtesten Trainingsstandort Europas zu ziehen und dies dann auch jahrelang kompromisslos durchzieht, ist nicht nach „normalen rotweißroten“ Leistungssport-Maßstäben zu messen.

Hasenöhrl besitzt um Klassen die beste turnerisch-technische Grundschule, die es je in Österreich gegeben hat.
Bei der WM im Oktober 2006 in Aarhus schien der Return on Investment zu beginnen. Sie wurde zwar (wegen zweier Auftaktstürze vom Balken) „nur“ 46. (unter 225 Turnerinnen aus 51 Ländern, 16.-beste Einzelnote am Gerät Sprung), platzte aber vom sportlichen Leistungsvermögen mit ihrer Allrounder-Performance für alle Insider offensichtlich mitten in die Champions League des Weltturnens. Ein perfekter Wettkampf hätte ca. Platz 20 in der bereits sehr dünnen Luft einer WM mit allen Hochkarätern dieses Weltsports ergeben (wobei Hasenöhrl als Mitglied eines Spitzenteams wie USA, China oder Russland zweifelsfrei noch das eine oder andere Zehntel zusätzlich gescort hätte, das ist im Turnen leider so).

Der Autor dieser Zeilen hat noch nie zuvor erlebt, dass russische oder chinesische Konkurrentinnen bei WM-Küren einer Österreicherin plötzlich sehr aufmerksam zusehen und am Ende offensichtlich beeindruckt applaudieren. Im Oktober 2006 in Aarhus war es so weit, Carina Hasenöhrl auf dem Niveau der Stars der Weltszene angekommen. Drei Wochen später passierte im Training in Holland der Halswirbelbruch.
Der Bau des höchsten Turms auf dem stärksten Fundament wurde in mittleren Höhen abgebrochen…
Abs.: Österreichischer Fachverband für Turnen (ZVR-Zahl 855650079), Sportkoordinator Mag. Robert Labner .

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