update:16-Oct-01

Kienbaum/ Deutschland

DTB-WM-Team: "Eine gesunde Mischung"

Besuch im WM-Trainingslager der deutschen Turner/
Gespräch mit Bundestrainer Hanschke -

Von Eckhard Herholz

  Mit den drei Buchstaben UWV beschreiben die deutschen Turner in Kienbaum bei Berlin schon seit Ewigkeiten ihre "Unmittelbare Wettkampfvorbereitung". Die letzten Trainingeinheiten werden hier vor der kommenden Weltmeisterschaft in Gent und vor der Abreise zum Test-Länderkampf in Freiburg (Breisgau) am 20. Oktober absolviert, der nun doch ein Drei-Länderkampf wird. Nach der Absage Japans ist es Sportdirektor Wolfgang Willam gelungen, mit Frankreich einen attraktiven Wettkampfgegner zu binden. Die Schweiz ist das dritte Team.
"W
ir werden alles tun, um den Rückstand zu Frankreich nicht allzu groß werden zu lassen. Die Franzosen erscheinen mir von der Papierform her besser, sollen insbesondere an Barren und Reck zugelegt haben. Ich wünsche mir nur, dass unsere Männer all das umsetzen, was wir in den letzten Wochen erarbeitet haben," so die Einschätzung des Bundestrainers Rainer Hanschke.

Seine Turner haben gut und konzentriert trainiert, sich gegenseitig unterstützt und messbare Ergebnisse gegenüber den Qualifikationen erreicht. 

Allerdings auch mit einigen Einschränkungen.
Der Deutsche Mehrkampfmeister Thomas Andergassen, der sich im Juni beim Länderkampf gegen Spanien am Knie 
verletzt hatte (Überschlag-Doppelsalto) und seit dem Sprung 
zur Deutschen Meisterschaft - als er durch äußere Einwirkung behindert wurde und erneut gestürzt war - bisher Sprung und Boden nicht trainieren konnte. "Ich hoffe trotzdem, dass Thomas in Gent springen kann," so Hanschke.

<< Thomas Andergassen präsentiert die WM-Bekleidung, erstmals mit Trikot-Sponsor Sport Grieshammer/Jako

 
Erwartungsgemäß gab es Limitierungen (Schulterproblematik) bei Valeri Belenki, aber die waren vorhersehbar. Intensiv deswegen auch die individuellen Behandlungen durch den Physiotherapeuten
Cyrus Salehi. 
"Der beste Mann der Welt", so Belenki, der bei der filigranen Massage seiner ziemlich verkürzten Halssehne genüsslich stöhnte (- siehe Foto, links >>) 
Bei Belenki rechnet der Teamchef vor allem mit der Erfahrung des Stuttgarters, der als Deutscher Rekordhalter seit 1989 bei seiner 11. Weltmeisterschaft (unter vierter Flagge) antreten wird. Dabei findet der Ex-Pauschenpferd-Weltmeister von Lausanne (1997) durchaus die Anerkennung der jungen Leute im Team, denen er trotz seiner Probleme leistungsmäßig Paroli geboten hat. Als einziger der "etablierten Alten" ist er noch in einer deutschen Turn-WM- 

Mannschaft, die Rainer Hanschke als eine "gesunde Mischung" bezeichnet: "Valeri soll und wird die Rolle des erfahrenen Turners spielen und zwischen den ganz jungen Leuten wie Andergassen, Zapf, Berczes oder Juckel gibt es noch die schon versierten Leute wie Renè Tschernitschek, der schon in einem WM-Finale stand (1999: 6.Sprung) und natürlich Sven Kwiatkowski." 
Von der Güte des Chemnitzers wünschte sich Hanschke noch ein paar Leute mehr: "Absolut klar im Kopf, der Junge, der weiß, was er will, handelt dementsprechend zielgerichtet und weiß, was bis Athen 2004 passieren soll!"
Auch der Hallenser Renè Tschernitschek, dessen WM-Qualifikationen reine Katastrophen waren wies bislang enorme Stabilitätszuwächse nach. Wie zur Untermauerung dessen stellte er einen souveränen Dreifachsalto als Reckabgang auf die kienbaumer Matte!
Anders dagegen Sergej Pfeifer (Hannover). Schon Anfang/Mitte der neunziger Jahre gehörte er zu Europas Spitzen-Junioren. Aber auf einen so richtigen internationalen Durchbruch warten alle in seinem Umfeld noch. "Bei Sergej besteht die Gefahr, dass er als das "dreißigjähriges Talent" mal verabschiedet werden könnte", so die Einschätzung seines TKH-Teamkamerad und Ex-Reckweltmeister Ralph Büchner, der ihm wenig effektives und intensives Heimtraining vorhält. "Dabei glaubt Sergej, dass er schon viel zu viel trainiere; die Ergebnisse dieser, seiner subjektiven Fehleinschätzung, die bleibt er momentan aber noch schuldig," bestätigt der Teamcoach diese Auffassung. Konnte er zu den Deutschen Meisterschaften nur an drei Geräten antreten, sind es jetzt wenigstens schon fünf (außer Sprung). Nach seinen Schulterproblemen traut er sich an den Ringen noch nicht wieder ganz an seine vollen Übungsinhalte ran - Tendenz aber: Optimistisch steigend!

 


DTB-WM-Kader Gent 2001 (v.ln.r.):
Sven Kwiatkowski, Renè Tschernitschek, Jens Uebel, Stephan Zapf, 
Thomas Andergassen, Sergej Pfeifer, Christian Berczes, Valeri Belenki
(...schon unter der Dusche: Robert Juckel)

 

Die zwei Wochen Stabilisierung mit Belastungsspitzen scheinen den deutschen Turnern gut getan zu haben. Wenig wurde allerdings inhaltlich noch aufgestockt. Stephan Zapf schafft jetzt einen 9,9 Ausgangswert an den Ringen. Ansonsten reichen die Übungsinhalte WM-Kandidaten von der Papierform her nicht aus, um in Gent den Anschluss an die Weltspitze wieder herzustellen. 
"Das wollen wir aber innerhalb des Olympia-Zyklusses schaffen, diese Chance haben wir! Deshalb ist es uns wichtig, dass die Turnwelt in Gent sieht, dass Deutschland gute Turner mit Perspektive hat und mit Deutschland in den nächsten Jahren wieder zu rechnen ist, wenn es um das Mannschaftsfinale und um Gerätefinals geht. Deshalb auch diese 'gesunde Mischung', gedacht für eben diese Perspektive".

Damit bezog sich Rainer Hanschke auch noch einmal auf die für die Betroffenen schmerzhaften Entscheidungen der Nicht-Nominierung zur WM 2001 
(Siehe auch Offener Brief Tobas: "Warum habe ich das verdient?"
"Gegenüber Marius Toba habe ich die Situation für ihn aus persönlichen Gründen bedauert. Die Nominierung habe ich damit nicht in Frage gestellt. Dass ich nur einen der älteren Turner in die WM-Mannschaft 2001 sehe und in erster Linie die Neuformierung 2003 in Angriff nehme, haben die Turner gewusst. Da Marius nur an einem Gerät die Mannschaft verstärken konnte, fiel die Entscheidung für Waleri Belenki (Mannschaftsdienlichkeit, nachgewiesen bei beiden Qualifikationen). Die im nächsten Jahr stattfindende Einzel-WM kann Marius Toba - auch bei ausschließlicher Spezialisierung auf das Gerät Ringe, wahrnehmen. Was Sergej Charkov betrifft:
Er konnte in den letzten drei Jahren die Mannschaft bei den entscheidenden Wettkämpfen (EM, WM, OS) nicht verstärken. Aus meiner Sicht gehörte Sergej bis 1996 zu den technisch besten Turnern der Welt, was ihm z. Teil jetzt noch zum Vorteil gereicht. Sergej sollte sein Wissen über die Erarbeitung und UMsetzung von Turntechniken an unsere Jugendturner weitergeben."

Eckhard Herholz
(gymmedia)

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