RSA Fahne      Rhythmische Sportgymnastik in Südafrika

"...eine ganz enorme Entwicklung"

Interview mit Katja Tamberg, Trainerin in Durban

Katja Tamberg 2000

 

English version


Das ausführliche Interview lesen Sie in der Ausgabe 04-2000 von LEON*


  Sie hatte mit ihren Gymnastinnen die weiteste Anreise und war doch wieder zu Hause: Katja Tamberg aus Berlin, die seit fünf Jahren in Durban, Südafrika, lebt und sich mittlerweile um die Entwicklung der Rhythmischen Sportgymnastik in ihrer zweiten Heimat sehr verdient gemacht hat. Sonja Schmeißer unterhielt sich am Rande des 4. City-Masters in Berlin mit der Trainerin, die einst beim OSC Berlin selbst aktive Gymnastin war.
 

RSA-Delegation City Masters Berlin 2000
The delegation from South Africa in Berlin


Katja, wie kamen Sie zu Ihrer jetzigen Tätigkeit?

Indem ich vor fünf Jahrein einfach auf eine Anzeige in einem Fachmagazin geantwortet habe – da wurde eine RSG-Trainerin für Kapstadt gesucht, von einem Breitensportverein. Aus Kapstadt wurde vor Ort dann Durban. Mittlerweile wohne ich da und leite den Verein Ocean Rhythmic Gymnastics. Für den Südafrikanischen Verband habe ich eine Anzahl Materialien entwickelt – Handbücher, Trainingsprogramme und so etwas; auch das Programm zur langfristigen Olympiavorbereitung stammt von mir.

 
Ist Ihr Verein auch leistungssportlich orientiert?

"Auch" ist das richtige Wort, ja. Die Vereine sind wie in den USA rein kommerziell und betreiben Breiten- und Leistungssport. Ohne die Vielzahl der Breitensportler wäre der Leistungssport nicht finanzierbar. Bei uns trainieren insgesamt 250 Kinder, davon sind ca. 50 Wettkampfsportlerinnen, davon wieder 10 im Leistungsbereich – das ist eine typische Vereinsstruktur. Mittlerweile helfen mir zwei Ex-Gymnastinnen, die als Trainer arbeiten. Es hat natürlich eine Weile gedauert, bis wir das alles soweit aufgebaut hatten.

So viel Zulauf - ist denn die Rhythmische Sportgymnastik so populär?

Also, von allein kommt keine durch die Tür marschiert... Aber wir arbeiten sehr viel mit den Schulen – und die Sportart ist in der Tat recht populär! Ebenso beliebt ist Ballett, so dass sich viele Mädchen für eine der beiden "schönen" Disziplinen entscheiden. In Durban gibt es an 10 Schulen die RSG als Schulsport, da können wir richtig sichten und jetzt auch viele schwarze Kinder gewinnen.

Bisher ist Südafrika auf internationaler Ebene ausschließlich mit Gymnastinnen weißer Hautfarbe in Erscheinung getreten. Woran liegt das?

Am Geld. Auch für die Kinder, die hier in Berlin teilnehmen, haben deren Eltern alles selbst bezahlt. Alle Mitglieder der südafrikanischen Mannschaft, die 1999 an den WM in Japan teilgenommen hat, waren "Selbstzahler"...
Bis vor einigen Jahren haben sich Vereine überhaupt nicht bemüht, schwarze Mädchen zu finden, da die meist kein Geld haben, um die Vereinsbeiträge zu zahlen, die ja der einzige Brotverdienst der Trainer sind.
In den letzten Jahren haben sich jedoch ein paar Vereine – zum Beispiel meiner - entschieden, talentierte schwarze Mädchen umsonst mit zu trainieren, aber diese Kinder sind bisher noch zu jung, um international aufzutauchen. Wir hoffen auf Zuschüsse und suchen Sponsoren für diese Mädchen, denn sobald teure Anzüge und Geräte anstehen und regelmäßige Wettkampfreisen auf nationaler und internationaler Ebene losgehen, werden die Vereine nicht mehr in der Lage sein, diese Talente angemessen finanziell zu unterstützen.
Ich bin mir sicher, dass wir bis 2008 eine hundertprozentige schwarze Gruppen-Nationalmannschaft haben und auch die meisten unserer Einzelgymnastinnen im Nationalkader schwarz sind.

 

 

Siegerehrung Ball, citiy Masters 2000 Berlin
Final with ball of 4th City-Masters - 
1st Daniela Kunze /GER / Leipzig), 
2nd Susanne Müller (GER / Berlin), 
3rd Jo-Anne Nelson
 (RSA / Stellenbosch)

Hier in Berlin sind vier Städtemannschaften am Start: Kapstadt, Johannesburg, Stellenbosch und Pretoria. Das klingt das nach großer Vielfalt?

Das stimmt, in allen größeren und in den meisten kleineren Städten wird mittlerweile Rhythmische Sportgymnastik betrieben, insgesamt sind in den Vereinen ca. 1.000 Gymnastinnen angemeldet. Dabei gibt es erst seit 10 Jahren überhaupt RSG in Südafrika Wir haben allein im Breitensportbereich mehrere Wettkampfklassen, das verdanken wir vor allem unserer rührigen Fachwartin Isabel van Achterbergh.

Wenn man sich das überlegt: Als Randsportart in einem Land, das einen totalen Umbruch erlebt, das insgesamt eher arm ist – und Du willst etwas aufbauen und hast keine Kohle...Dafür ist die Entwicklung einfach enorm.

JoAnne nelson, RSA 2000

Jo-Anne Nelson, 
one of the best gymnasts 
of RSA

  Wer trainiert all die Mädchen?

Die Trainerinnen für den Leistungsbereich - ein Mann ist auch dabei, und wir haben auch schon mehr als 5 männliche Kampfrichter!! - kommen aus Südafrika, Russland, Ukraine, Weissrussland, Bulgarien, Rumänien. Die Arbeitsbedingungen sind halt schwierig, der Verband hat kein Geld. So läuft die eigentliche Verbandsarbeit auch mehr ehrenamtlich. Aber wir haben jetzt ein Nachwuchsprogramm entwickelt – mit Tests, Trainingslagern, eben für eine systematische Entwicklung der Talente.

Die Juniorinnen, die hier in Berlin dabei sind, trainieren schon in diesem Programm. Und Renata, die hier 6. wurde, ist eine von den besten. Wir sind schon stolz, dass die beste Juniorin unseres Landes, Belinda Potgieter, kürzlich bei einem internationalen Turnier eine Medaille gewonnen hat. Belinda und Renata werden nächstes Jahr im Seniorenbereich starten und Jo-Anne Nelson, unsere derzeit beste Gymnastin in Südafrika, unterstützen. Und ich denke, spätestens dann wird man bemerken, dass sich in der RSG Südafrikas einiges tut.

Kann man die südafrikanischen Gymnastinnen in diesem Jahr noch bei internationalen Wettkämpfen sehen?

Wettkampfreisen sind nicht so populär, weil teuer. Zwei unserer Gymnastinnen starten bei den Junior Commonwealth-Spielen im August, der Höhepunkt für uns werden die Afrika-Meisterschaften Ende November sein.

  Wie geht es eigentlich der bekanntesten südafrikanischen Gymnastin Michelle Cameron?

Sie hatte vom Internationalen Verband die Wild Card für den afrikanischen Kontinent zur Teilnahme an den Olympischen Spielen. Aber unser NOK hat gesagt, wenn überhaupt Wild Cards wahrgenommen werden, dann von schwarzen Sportlern. So wollte sie ihre sportliche Laufbahn eigentlich beenden. Kürzlich hat sie aber doch wieder das Training aufgenommen, weil ihr die Uni, an der sie studiert, ein Stipendium versprochen hat, wenn sie an den diesjährigen Nationalen Meisterschaften und an den Afrika-Meisterschaften teilnimmt und dann Südafrika in Japan bei den World Games vertritt. Und das möchte sie nun gern tun.


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-schm- 26.07.2000