Ist der deutsche Turnsport noch zu retten...?
08-April-2002

"...öffentliche Wahrnehmung von Turnen und Gymnastik verbessern"
(- zum Artikel in der April-Ausgabe 2002 von DTB-Präsidenten Rainer Brechtken -- )

(Mediale Anmerkungen von Eckhard Herholz nach der letzten EM-Qualifikation

 


((Quelle: Titelfoto DEUTSCHES TURNEN", 4/2002)

Es ist schon ein Ereignis, mit welcher Vehemenz, Kompetenz und welchem Engagement sich ein DTB-Präsident um die Fragen der öffentlichen Wahrnehmung seiner Disziplinen kümmert! Das war bekanntlich nicht immer so, vor allem was die analytischen Fragen des eigenen Anteils betrifft.
Es ist auch allerhöchste Zeit! 
Sind wir am Ende? - fragt zu Recht die DTB-Zeitschrift "Deutsches Turnen" im Titel ihrer eben erschienen April-Ausgabe und widmet diesem Thema immerhin vier volle Seiten.
Nach dem Erleben der letzten Europameisterschafts- Qualifikation der Männer, bei der sich die besten 11 (derzeit wettkampffähigen) Turner des Landes in der Trainingshalle in Kienbaum vor der Öffentlichkeit förmlich versteckten, kommt selbst der gutwilligste Betrachter nicht umhin, zu sagen:
Wenn man so mit seinen Eliten umgeht, dann ist das Ende schon ziemlich nahe. Man werfe nicht den ersten Stein in Richtung Medien, wenn man die eigenen Hausaufgaben nicht gemacht hat...

"Pantoffeltheater" Kienbaum


 

"

Dort, wo  im knallharten, leistungssportlichen Trainingsalltag die oft auch schmerzhafte Mischung von Magnesia und Schweiß entsteht; dort wo auch der böse Frust beim Überwinden eigener Unzulänglichkeiten stets von Neuem überwunden werden muss, wo man als Turner bei aller Motivation auch froh ist, wenn man die Halle mal von außen sieht - gerade dort inszeniert man eine Überprüfung von Topleistung vor dem zweitgrößten internationalen Großereignis. Mittlerer Weile ist das Usus im Deutschen Turner-Bund.
Qualifikation für eine Europameisterschaft...?! 
Da steht der Sportdirektor in Hemdsärmeln und in Strümpfen auf der Matte und eröffnet mit ein paar protokollarischen Sprüchen. Das Kampfgericht bewegt sich auch mal gleich in lockerer Formation - in Ermangelung von Pantoffeln ebenfalls in Socken - auf der Bodenmatte, weil mal eben kein Tisch für die Juroren am Pferd zu stellen ist. Die Noten werden in die Halle gerufen - wehe, man hört sie nicht gleich, dann sind sie Schall und Rauch! Ausgangswerte erfährt man nur, wenn man sich an die Seite eines Trainerexperten setzt. 
Von wegen Wettkampfprotkoll - ein handschriftlicher Zettel verschwindet minutenschnell mit der Person des Bundestrainers aus der Halle. Im wirklich allerletzten Moment gelang es doch noch - fast schon im Gehen - wenigstens die Endnoten der besten fünf Turner zu erfahren.....!
Natürlich ist nirgends über solch ein "Nicht-Ereignis" etwas zu lesen, nicht mal Resultate!

Das haben die Athleten nicht verdient, denn hier geht es um Abrechnung eines knallharten Trainingsabschnittes und um Motivation vor einem und für ein Großereignis!

... öffentliche Wahrnehmung von Turnen und Gymnastik verbessern?"
Warum erfolgt eine solche Leistungspräsentation der Besten des Landes nicht öffentlich und in würdigem, motivierenden Ambiente. Warum führt da der DTB zu solchen Anlässen - Qualifikationen sind stets wiederkehrende Prozedere vor Berufung in Auswahlteams - keine neue Wettkampfform ein, die der Presse gegenüber besser oder überhaupt zu verkaufen ist. Man denke an ein "DTB-Ranglisten-Turnier", an "DTB-Top-Ten" oder "- Top 15". Ergebnis solcher, als gestylte Events zu gestaltende Wettkämpfe, könnte eine Deutsche Turnrangliste sein, die im Jahresverlauf öffentlichwirksam zu führen ist. Das dabei "nebenbei" bestens auch alle Qualifikationsfragen vor EM, WM oder Olympia fast nebenbei zu klären sind, versteht sich von selbst. Mit Engagement gastgebender Landesverbände sind sicher für solche Veranstaltungen auch Partner zu gewinnen und vor Großereignissen kommt man Medien und Journalisten sowieso entgegen. Die kommen dann vielleicht eher wieder zum Turnen, als auf Socken nach Kienbaum.

Dann tut es wenigstens im Interesse der Athleten...
Junge Leute muss man motivieren! Wem das nicht gelingt, der erlebt schlimme Reinfälle, auch die Gesellschaft kennt solche motivationsarmen Bereiche Jugendlicher zur Genüge!
Im Leistungssport aber geht es doch um Grenzbereiche menschlicher Leistungsfähigkeit. Auch wenn die der deutschen Turner momentan hinter den internationalen Topniveau zurücksteht: Persönliche Leistungsgrenzen sind es allemal, die da von jedem einzelnen Turner hierzulande ständig zu erweitern sind.

Wie wär's da mit besonders ausgeschriebenen Leistungsprämien bei solchen Turnieren, die nun mal die nationale Grundlage für internationale Erfolge sind? Wenn man ein attraktiv gestyltes Wettkampfprogramm
individueller Leistungen gut und medienwirksam verkauft, lässt sich auch ein Sponsor finden, der da mit den athletischen und ästhetischen jungen Männern gemeinsam Außenwirkung erzielen möchte.
Bloß - ins Pantoffeltheater nach Kienbaum kommt keiner!

DTB-Präsident Brechtken verlangt nach "Nutzung der Potentiale", nach dem Zusammenfügen einzelner Elemente unter einheitlicher Zielstellung, damit "...alle nach der gleichen Bau-Zeichnung arbeiten".
Bloß - wo ist das mediale Gesamtkonzept...?
Zur Jahrestagung der Deutschen Kunstturnliga der Männer DKLM im Februar in Saarbrücken verstieg sich DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam gar zu der ungeheuerlichen Bemerkung im Zusammenhang mit der intensiven Suche nach öffentlichkeitswirksameren Wettkampfformen zu: "Ich finde es gut, wenn ihr nach Lösungen sucht, aber wartet nicht oder verlasst Euch nicht auf den DTB. Von da ist diesbezüglich nichts zu erwarten!"

Wer ist hier "der DTB"...und wer macht hier seine Hausaufgaben nicht...?
Eckhard  Herholz, GYMmedia
(April 2002)

>> ... lesen Sie auch den Bericht "EM-Qualifikation Kienbaum: "Wunder sind nicht in Sicht"

 

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