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Nebenstehender Artikel (unten, links) wurde im Vorfeld des
Weltcups "24. Turnier der Meister" in Cottbus  (24.-26.3.2000)  veröffentlicht,
welcher GYMmedia zu nebenstehender Polemik (rechts) veranlasste.
(Autor: Eckhard Herholz)

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Der Artikel:

Reckkönig Andreas Wecker ein "Erfinder " ... (?)

Toll! Reckkönig Andreas Wecker ist fest
entschlossen, als erster Turner der Welt zum vierten Mal bei Olympischen Spielen Salti, Felgen und Überschläge zu drehen.
"Ich fühle mich pudelwohl. Mir geht es so gut wie lange nicht. Ich bereite mich intensiv auf Olympia vor. Und freue mich schon auf Sydney", schwärmt das Muskelpaket aus Berlin.
Dabei hatt
e Wecker wenige Wochen nach seinem Reckgold von Atlanta leicht verzweifelt vermutet: "Die Elemente für Sydney 2000 werden so schwer sein, die kann ich mit 30 Jahren nicht mehr erlernen. Der Zug Olympia ist für mich abgefahren."

Noch Mitte des vorigen Jahres (1999) kam die Kehrtwende. Andreas schwang sich an die Trainingsgeräte, turnte bis zu drei Stunden am Stück und verblüffte mit seinem Können Trainer und Mannschaftskameraden beim SC Berlin.
"Meine Skepsis nach Atlanta 1996 kam wohl auch daher, dass einfach mein Umfeld nicht mehr stimmte", nimmt Wecker an und verrät: Nach 13 Jahren gemeinsamer Arbeit mit seinem Trainer Lutz Landgraf fühlte sich das Duo ausgelutscht. "Wir fanden einfach keine zündenden Ideen mehr. Also wechselte ich zu Trainer Siggi Wüstemann."

Das neue Gespann scheint sich nun auf dem olympischen Höhenflug 2000 begeben zu haben, denn der Goldturner meint selbstbewußt: "Wenn ich nach Sydney düse, dann nicht nur um dort zur Erföffnungsfeier einzumarschieren. Ich will um eine Medaille kämpfen."

Damit der Reckkönig aber nicht nur auf sein Paradegerät angewiesen ist, ließ er sich etwas einfallen:
"Ich brauche neben dem Reck auch an den Ringen und anderen Geräten eine Übung, bei der vielleicht die Höchstnote 10 herauszuholen ist. Also erfand ich die Riesenfelge am Barren. Das ist eine verdammt schwierige Übung, die es bisher noch nicht gab. Ich hoffe, dass Element wird in Zukunft der Wecker-Riese genannt."

Die neue Turnlust des in Staßfurt bei Magdeburg geborenen Wecker rührt aber nicht nur vom Trainerwechsel her. Die Ehe des Kunstturners, er war mit einer ehemaligen Berliner Eiskunstläuferin verheiratet, funktionierte nicht besonders. Also entschied sich das Ehepaar zur Scheidung. Jetzt lebt der Olympiasieger mit Freundin Antje Hertel, einer Ballett-Tänzerin, zusammen in seinem Haus in Schwante bei Berlin und scheint glücklich.

Dazu nahm ihm die Bundeswehr alle finanziellen Sorgen ab. Andreas gibt deshalb zu:
"Die Zeit, da ich auf Tingeltour gehen musste, um Geld zu verdienen ist vorbei. Ich kann jetzt jeden Tag vier bis fünf Stunden trainieren und mich konsequent auf Olympia vorzubereiten. Wenn ich gesund bleibe, muß am Ende einfach etwas herauskommen..."
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(Gelesen bei: sport.de)

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Die Polemik.

Immer schön auf dem Teppich bleiben....

Nun ist tatsächlich ohne entsprechende Recherche nicht gleich 'rauszukriegen, ob es an der lockeren Lippe eines Interviewten oder der mangelnden Professionalität des Interviewers liegt - denn wann beschäftigen sich deutsche Journalisten im Jahresverlauf schon mit dieser Sportart. Sollten sie aber - denn Turnen ist neben Schwimmen, Fechten, Leichtathletik und Radsport olympisches Urgestein - und dahinter steht ein Verband mit sage und schreibe knapp 5 Millionen Mitgliedern.

Leider aber vermag momentan nur ein Wecker ab und an so eine Art verschämter "Eigentlich-müsste-man-doch-mal- wieder-Aktion" auszulösen. Nehmen wir mal an, Letzteres ist wohl der Fall und um Andreas Wecker in Schutz zu nehmen, sollte man Einiges gerade rücken:
Toll, das Andreas Wecker "...fest entschlossen ist..." - er ist nämlich tatsächlich ein begnadeter Ausnahmeathlet! Aber nicht als erster Turner der Welt wird er an 4 Olympischen Spielen teilnehmen. Das schafften andere Grosse, Nahmhafte schon vor ihm, wie der legendäre Finne Heikki Savolainen (5 Mal) oder die japanische Turnlegende Takashi Ono zum Beispiel, aber als erster deutscher Turner, das ist ja auch nicht ohne!
Dass Andreas Wecker - seit 2. Januar hat er sein viertes Lebensjahrzehnt begonnen - sich große Ziele für diesen Olympiastart setzt, zeichnet ihn aus, wer ihm dort aber Medaillenhoffnungen als Rucksack aufbürdet, handelt verantwortungslos!
Tut er das selbst - wird er damit leben müssen.

In seinem Alter in die Weltspitze überhaupt zurückzukehren ist allein schon ein Ding! Das hat dieser Ausnahmeathlet nämlich schon geschafft - eigentlich in der ihm von deutschen Medien verordneten Stille, denn wo wurde schon sein 13. Mehrkampfplatz zur letzten WM als bester Deutscher entsprechend gewürdigt, 1999, im Jahr des historischen TV-Minusrekords fürs Turnen: Nie zuvor wurde über diese Disziplin so wenig berichtet als im Jahr von 7 (!!) Weltmeisterschaften der Turn-und Gymnastikdisziplinen  (1999).
Wenn überhaupt, musste sich der Pauschenpferdvirtuose eher verteidigen, dass er "nur" als 7. im WM-Finale stand, doch aber schon wieder zu den besten Acht in der Welt gehörte....!
Wer hat registriert, dass er beim Grand Prix in Glasgow bereits wieder 5. am Reck war, letzten Herbst und 7. an den Ringen in Zürich, und 8. in Stuttgart im Grand Prix-Pferdfinale.
Die publizierende Meute heult erst dann wieder richtig auf, wenn ein "Winnertyp" zu beschreiben ist, als Sieger z.B. am Reck in der Schleyer-Halle, wenn auch Konkurrent Pegan aus Slowenien im Winnersfinal stürzte.....
"...also erfand ich die Riesenfelge am Barren..." lässt der Autor nebenstehenden Artikels den Wecker tönen und titelt bereits Andreas Wecker als "Erfinder".
Das kann Andreas Wecker aber so nicht gesagt haben, denn er weiß, dass das blosse Üben noch nicht den Erfinder macht und die Riesenfelge 1974 vom Japaner Eizo Kenmotsu am Barren kreiert wurde, und er weiß, wie schwer noch der Weg zum Ruhm des echten Erfinders eines "Wecker-Riesen's" ist: Die erfolgreiche Integration in eine erfolgreiche Übung bei einem hochkarätigen Wettkampf.
Unlängst bat Andreas selbst vor wenigen Tagen: "Bitte schreibt noch   nichts darüber... ich arbeite erst daran"!
Also sollte man nämlich diesen Mann mit tatsächlich historischen Leistungen - der sich momentan neben seiner Olympiavorbereitung auch besonders aufwendig um Turn-Nachwuchskonzepte in Deutschland kümmert ( - darüber ist leider nichts zu lesen) -  vor solcherart "flotten Schreibern" schützen. Was denn nun Andreas Wecker tatsächlich übt und erfindet, was über die Riesenfelge hinaus geht, also der eigentliche Kern der "News", das war leider nicht zu erfahren. In einer Welt, die bereits mit Akribie die Endgeschwindigkeit von Fußbällen beim Überschreiten der Torlinie digital und mit höchstem Wahrheitsgehalt misst, sollten auch die Grundtugenden journalistischer Recherche nicht verloren gehen.. .

Bleibt, Andreas Wecker, seinem Berliner Teamkollegen Peter Nikiferow und dem dritten Turn-Oldy Sergei Charkow aus Dillingen bei ihrem Weltcup-Auftritt in Cottbus nur zu wünschen, dass man sie fair behandelt, bringen doch die drei fast 90 Lebensjahre mit auf die Turnbühne...!
(C) gymmedia / Eckhard Herholz)
* 22-03-2000

gymmedia

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