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Rainer Hanschke: Von der Pike auf
- Im Interview: Der deutscher Bundes-Cheftrainer -

Rainer Hanschke, Jahrgang 1951, geboren in Finsterwalde,
- WM-Medaillengewinner 1974  (3. Team, 16. Einzel, 5. Boden)
- Olympia-Medaillengewinner 1976 (3. Team, 28. Einzel);
- Trainerabsolvent 1977 der Deutschen Hochschule für Körperkultur Leipzig,
- danach Trainer im SC Chemie Halle, dann SC Cottbus,

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- seit 1991 Bundes-Nachwuchs-Cheftrainer,
- seit 1996 Bundes-Cheftrainer in Deutschland.
(Für GY Mmedia im Gespräch mit Hans-Jürgen Zeume,  nachgefragt von Eckhard Herholz)

GY Mmedia: Wo nimmt der deutsche Bundes-Cheftrainer seine Motivation her?

Rainer Hanschke:   Wenn man Leistungssportler ist, dann ist Olympia d a s Ziel, und schon in jungen Jahren bewundert man die großen Stars auf der internationalen Bühne. Man stellt sich einfach vor, dazuzugehören, dabei zu sein. Das war und ist so auch bei mir, deshalb kann ich nachvollziehen, was in den Turnern vorgeht, die sich jetzt bemühen, dorthin zu gelangen.

GY Mmedia: Skizzieren Sie bitte einmal Ihren sportlichen Werdegang!

Rainer Hanschke: Geturnt habe ich damals in Forst in der Lausitz. Dabei lernten und trainierten wir in einem altehrwürdigen Gebäude. Im April dieses Jahres beging das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, wie es heute heißt, seinen 70. Geburtstag. Einer seiner Schüler war ich. Darauf bin ich noch heute sehr stolz. Später zog die Kinder- und Jugendsportschule nach Cottbus um und ist dort neu aufgebaut worden. Da war ich dann allerdings nicht mehr dabei. Ich turnte in dieser Zeit für den SC Chemie Halle und studierte an der Leipziger Sporthochschule "DHfK".

GY Mmedia: Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten internationalen sportlichen Auftritte ?

Rainer Hanschke: Meine ersten Erfolge, die mich in "olympische Nähe" brachten, errang ich in einem kleinen Städtchen an der Grenze zu Polen, und so etwas vergisst man nicht. Ich hatte Erfolg als junger Turner, und da hat man schon gedacht, dass man weiter kommt. Vielleicht auch einmal zu Olympia.

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Hanschke in Aktion:
1974, kurz vor seiner ersten WM Teilnahme in Warna (Bulgarien)

GY Mmedia: ....das hatten Sie ja dann 1976 erreicht!

Rainer Hanschke: Ja, aber in meiner Laufbahn habe ich sehr oft Silbermedaillen geholt, zum Sieg hat es nie gereicht. Das hat mich immer ein wenig geärgert. Bis zum Sprung in die Nationalmannschaft war es ein langer Weg. Dann ging alles ganz schnell: Länderkämpfe, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Dann war ich 1976 in Montreal dabei.

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v.li.n.re.: DDR-Auswahlcoach P.Weber, Bernd Jäger, Ralph Bärthel, Lutz Mack, Wolfgang Klotz, Roland Brückner, Rainer Hanschke, Michael Nikolai.

Rainer Hanschke
1976:
- Im DDR-Team im Trainigslager Kienbaum,
kurz vor Abreise zu den Olympischen Spielen Kienbaum (links) und


(Foto rechts):

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- beim Riegenwechsel in Montreal 1976, (Silber mit der Mannschaft)

Ich hatte es geschafft, meinen Jugendtraum zu erfüllen. Und es ist ein bleibendes Erlebnis geblieben, von dem man ein ganzes Leben zehrt. Wir haben damals mit der Mannschaft die Bronzemedaille gewonnen. Sie liegt heute in meinem Büro - sichtbar.

GY Mmedia: Ihre Trainerlaufbahn führte Sie durch fast alle Bereiche...!

Rainer Hanschke: Als Trainer sammelte ich danach viel Erfahrung mit Turnern verschiedener Altersgruppen. Mit Ausnahme des Anfängertrainings habe ich fast alle Jahrgänge betreut. Mit der Gruppe, die ich damals in Cottbus im Schülerbereich hatte, waren wir sehr erfolgreich. Ich habe dann auch mit Maik Belle einen Turner zu Weltmeisterschaften geführt, bei denen er im Pferdfinale stand und, wenn auch nur als Ersatzmann, zu Olympischen Spielen. Danach habe ich mich wieder dem Nachwuchs gewidmet, als Bundestrainer war ich mit verantwortlich für den C-Kaderbereich des Deutschen Turner-Bundes.

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Rainer Hanschke (li.
führte in Lausanne 1997 erstmals als Bundestrainer eine deutsche Riege
zu einer WM

Nach den Olympischen Spielen 1996 wurde ich als Cheftrainer für den Spitzenbereich des deutschen Männerturnens berufen. Aus der heutigen Sicht bin ich froh, dass ich alles "von der Pike auf" kennenlernen durfte und dass die Aufgaben wechselten.
Ich denke, das ist ein großer Vorteil für meine heutige Arbeit.


G
Y Mmedia:
Wie ist die aktuelle Situation im deutschen Männerturnen im WM Jahr 1999, bezogen auf die jüngeren Kader?

Rainer Hanschke: Wir haben in diesem Jahr einen Olympiakader von 8 Turnern . Davon kommen immerhin 5 aus dem 1995 gegründeten Perspektivkader für Sydney 2000,  das sind Rene Tschernitschek (Halle), Sven Kwiatkowski (Chemnitz), Sergej Pfeifer (Hannover), Dmitri Nonin und Daniel Farago (beide Berlin). Inzwischen sind sie längst nicht mehr  "die Jungen", haben bereits 1997 und 1998 Erfolge  bei WM, EM und Länderkämpfen gehabt. Doch so manches können sie sich immer noch von den Routiniers wie Belenki oder Wecker abschauen!

GY Mmedia: Ist die von Ihnen angestrebte Mischung aus Jung und Alt - oder besser "Erfahren" - bereits wieder medaillenfähig?

Rainer Hanschke: Manchmal fragt man mich, ob unsere Turner mit der Mannschaft nicht wieder eine Medaille bei den WM in diesem Jahr in Tianjin und bei Olympia im nächsten Jahr in Sydney gewinnen könnten. Träumen sollte man schon davon... Aber es ist für uns doch relativ schwierig, bei dem unglaublichen Niveau, das derzeit von den Spitzenmannschaften wie China, Russland, Weißrussland und Japan geboten wird. Man muss auch realistisch bleiben. Wir haben es 1997 bei den WM in Lausanne geschafft, in das 6er-Finale zu kommen. Das war für alle mehr überraschend als erwartet gewesen. Dieses Ziel haben wir uns nun für 1999 und für 2000 wieder gestellt. Um es zu erreichen, werden wir uns vor allem mit den Teams aus Südkorea, Frankreich, der Ukraine, den USA und Rumänien in unmittelbarer Konkurrenz auseinanderzusetzen haben. Leider haben wir in unserer Entwicklung als Mannschaft nicht den Schritt nach vorn getan, dass wir hoffen können, bei den Weltmeisterschaften in China um die Medaillen mitzuturnen.

GY Mmedia: Momentan überrascht "Oldy" Andreas Wecker,  Sie auch...?
Der scheint wohl nun doch ernst zu machen. Welche Rolle könnte oder sollte der Olympiasieger für Sydney spielen?

Rainer Hanschke: Andreas hat seit seinem Olympiasieg am Reck 1996 in Atlanta in diesem Jahr im April erstmals wieder für die deutsche Nationalmannschaft geturnt. Bei zwei Länderkämpfen war er mit seinen Leistungen ein stabiler Wettkämpfer, der entscheidenden Anteil am Mannschaftserfolg hatte. Für Olympia 2000 und die bevorstehenden Weltmeisterschaften stelle ich mir das ebenso vor.
Darüber hinaus werden wir an der Vervollkommnung seiner Schwierigkeitsteile und -inhalte arbeiten. Das ist Voraussetzung, um wie in früheren Jahren wieder Finals bei Wettkampfhöhepunkten zu erreichen.

GY Mmedia: Soweit zur WM 1999. Gibt es aber mit Blick auf Olympia nicht doch wieder Medaillenziele für ein deutsches Männer-Turnteam?

Rainer Hanschke: In Richtung Sydney 2000 kann dieses Ziel wieder eine Rolle spielen.
Zunächst müssen wir uns bei den diesjährigen Weltmeisterschaften im Oktober im chinesischen Tianjin für die Olympischen Spiele 2000 qualifizieren.
Auf diese WM werden sich unsere WM-Kader über 2 Qualifikationen (in Dessau und Chemnitz), sowie über Länderkämpfe gegen Griechenland, gegen Weißrussland und die Schweiz vorbereiten.

GY Mmedia:  Gibt es Ihrer Meinung nach für das Kunstturnen eine Chance, wieder für ein normal-sportinteressiertes Publikum reizvoll zu werden und nicht nur für speziell interessierte Insider?

Rainer Hanschke: FIG und UEG sowie viele nationale Verbände arbeiten daran, die Sportart einem breiteren Publikum nahezubringen. Solch einen Zuspruch wie in den USA - wenn ich mich an Atlanta 1996 erinnere - hat unsere Sportart in anderen Ländern längst nicht. Der Hauptgrund liegt in der schwierigen Leistungsbewertung und Nachvollziehbarkeit durch den Zuschauer. Aus diesem Grund gibt es übergreifende Konzeptionen zur Leistungsbewertung im Frauen-   und Männerbereich sowie der Rhythmischen Gymnastik und der gemeinsamen Vermarktung der Sportarten. Ab 2001 verändern sich die Wertungsbestimmungen zwar wieder, gelten dann aber über einen längeren Zeitraum

GY Mmedia: Wenn man z.B. Bodenübungen im Männerturnen sieht, dann entdeckt man - abgesehen von akrobatischen und Schwierigkeitsentwicklungen - optisch wenig Einfallsreichtum. Im Prinzip - einfallslose akrobatische Diagonalen - sonst wenig individuelle und gestalterische Kreativität. Ist das nur eine Reglementfrage...? Welche Chance hätte zum Beispiel ein "Toller Cranston" im Turnsport ( = kreativer "Bewegungsdesigner" im Eiskunstlaufen der 70er Jahre)?

Rainer Hanschke: Eine Bodenübung ist zeitlich und vernünftigerweise auf 70 Sekunden beschränkt. Allerdings bedingt das Erreichen der höchstmöglichen Ausgangswertung (A-Note), dass in dieser Zeit viele Sprünge bzw. Sprungreihen und Bodenelemente mit hohem Bonifikationswert untergebracht werden müssen. Dazu gehören in der Regel keine gymnastischen Verbindungen.
Andererseits bin ich auch der Meinung, dass die Elemente und Bewegungen zwischen den Sprüngen nicht als notwendiges Übel betrachtet werden dürfen, denn schließlich gehören Ausdrucksstärke und Eleganz zum Übungsvortrag des Turners.

GY Mmedia: Was halten Sie vom Wettkampfprofil der "European Gymnastics Masters", die demnächst in Patras stattfinden und wie ordnen Sie diesen Wettbewerb ein?

Rainer Hanschke: Bei dieser Wettkampfform gibt es eine attraktive Team-Mixtur von Frauen- und Männerturnen mit der Rhythmischen Sportgymnastik (2/2/2). Das ist interessant und spricht ein breiteres Publikum an. An einem Wochenende treffen sich Stars der 3 Turnsportarten Europas, das ist interessant für die Teilnehmer und auch für die Medien. Ich meine, das ist zwischen den traditionellen Wettkampfformen sicher eine willkommene Abwechslung.

GY Mmedia:  Vielen Dank, Rainer Hanschke.
GYMmedia wünscht dem deutschen Team eine optimale WM-Vorbereitung!

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(Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der  GYMmedia-Redaktion)



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