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"Rettet Toba die deutsche Turnnation...?",  

- so titelte GYMmedia wenige Tage vor Abreise zu den Olympischen Spielen, als nach den Ausfällen der alten Haudegen Waleri Belenki und Sergej Charkow der Verletzungsteufel sich auch noch ans deutsche "Jungturnvolk" heran machte. Erst erwischte es vor dem letzten Olympiatest den Deutschen Mehrkampfmeister von 1998 Sven Kwiatkowski (Chemnitz), dann zum Test selbst den Berliner Daniel Farago.
Not war am Mann, und als Mann in der Not musste man den 33jährigen Hannoveraner Marius Toba aktivieren. Der befand sich gerade mit einem VW-Transporter auf der Rückfahrt zwische Ungarn und Österreich von einer Hilfsgüterreise ins rumänische Resita - dort wo er aufgewachsen war - und hatte kaum Zeit, seine sieben olympischen Sachen zu packen, um noch als sechster Mann zu seinen dritten Olympischen Spielen zu reisen.
Nun ist er der einzige deutsche Finalist überhaupt und hat persönlich die große Chance, einen krönenden olympischen Abschluss seiner einzigartigen Karriere zu gestalten.
Eckhard Herholz (GYMmedia) traf sich im Olympischen Dorf mit dem Ausnahmeathleten:
"DANKE, PAPA...!"
Dort im  Superdome von Sydney schlägt für den sympathischen Vollblutturner am Sonntag erneut eine Stunde der Wahrheit. Zum zweiten Mal steht Marius Toba in einem Olympischen Ringefinale. Kaum ein anderer Turner der Welt - vergleichbar nur mit Andreas Wecker - hat sich mit solcher Konstanz über eineinhalb Jahrzehnte lang in der Weltspitze aufgehalten, wie dieser Mann.
Mit 18 Jahren machte er als Junioren -Europameister in Karlsruhe an den Ringen erstmals auf sich aufmerksam. 1988 stand er im rumänischen Olympiateam (7. Platz) und wurde 21. im Olympischen Mehrkampf. Heute ist er weltweit der einzige noch aktive Turner dieses olympischen 36er-Finales von Seoul. Die internationale Fachwelt zieht den Hut vor dieser Top-Präsenz auf den Turnpodien dieser Welt.
Als Marius dem Mehrkampfsieger Alexej Nemow hier zu Gold gratulierte, sagte der schmunzelnd: "Danke, Papa!", wohl wissend ob des Generationsunterschiedes.


Toba und der Superdome: Sonntag Ringefinale

(Eine Biographie von Marius Toba finden Sie auf der Website seines Clubs TK Hannover, unter www.tkh-turnen.de )
  gymmedia:   Marius, Du bist ziemlich spät ins Olympiateam gekommen...!

Marius:     Ja, das war ähnlich, wie vor der Europameisterschaft in Bremen im Mai. Da habe ich es erst 4 Tage zuvor erfahren, hier war es noch knapper. Ich hatte schon am Anfang das Gefühl, dass ich hier ein wenig unerwünscht bin. Mit Bundestrainer Hanschke hatte ich aber ausgemacht, dass ich für alle Fälle immer erreichbar bleibe, und dann ist dieser letzte aller Fälle auch eingetreten.

gymmedia:    Du warst unterwegs auf einer Hilfsgüterreise...?

Marius:    Ja, das mache ich schon einige Jahre. Ich sammle eine Zeitlang Dinge, die andere nicht mehr brauchen, Kleidung, Schuhe, Dinge des täglichen Bedarfs, die trage ich zusammen. Alles wird dann sortiert und in Kartons gepackt, das ist dann leichter beim Verteilen. Vorwiegend sind es Sachen für Kinder. Waehrend in Deutschland die meisten alles haben, satt und zufrieden sind, freut sich ein kleiner Junge in Rumänien selbst über einen bunten Schlüsselanhänger, den viele hier gar nicht mehr beachten.
Das schönste Gefühl ist es, bei der Übergabe in die glücklichen Augen der rumänischen Kinder zu sehen. 

  gymmedia:    Wie genau organisierst Du die Verteilung?

Marius:    Durch eine Kontaktperson erfahre ich, was am nötigsten ist. Seit über drei Jahren habe ich als Anlaufpunkte einen Kindergarten, ein Kinderheim, dann meine Schule, in der ich selbst Schüler war und die Sportschule in Resita, wo ich als Aktiver begann. Am Tag zuvor kündige ich mich dann dort an, stehe auf dem Schulhof an einer bestimmten Stelle und verteile dann die Dinge direkt an die Bedürftigsten - da sind keine anderen Leute dazwischen. So habe ich die 100%ige Sicherheit, dass alles auch an die Richtigen ankommt. Und von da kam ich eben zurück und jetzt sitze ich hier tausende Meilen weg bei Olympia. Das ist schon verrückt... 

28 JAHRE ALS TURNER IM GESCHAEFT

gymmedia:
    Marius, Du wirst im Januar 33 Jahre, Du bist einer der Ältesten des ganzen Finalfeldes...!

Marius:     Ja, und...? Aber es stimmt schon, ganz so normal ist das nicht. Ich habe hier meinen früheren Trainer Ioan Albu getroffen, der jetzt die Frauen Venezuelas trainiert, dar sagte auch: " Sag bloss, Du turnst noch - Du bist ganz schön verrückt! Aber lass mal, das ist Weltspitze der besonderen Art, zwar nie der Superstar und Goldtyp, aber Weltmeister an Beständigkeit, Zuverlässigkeit. 28 Jahre als Turner im Geschäft - das kann kein anderer in dieser Sportart aufweisen!"

Das Wichtigste ist, die Nase nicht zu hoch zu tragen und professionell seine Sportart zu betreiben und nie aufzugeben:
Das war bei mir vor vor Olympia 1992 auch so: In dem Jahr war ich vierfacher Deutscher Meister, war EM-Dritter, dann hatte ich 1 Woche vor Barcelona einen durchgetretenen Fuss. Trotz der Enttäuschung - es musste weitergehen!
Oder, 1996, nach Atlanta, da wollte ich aufhören. Ich hatte Schulterprobleme, alles war kaputt, ausser der Bizepssehne, da oben, Der Arzt sagte: 'Toba, Du bist ein 'Tier' -  wie hälts Du das aus, mit Deinen Schmerzen könnten andere Menschen nicht mal normal auf der Strasse laufen.' 
Ich konnte tatsächlich nicht mal mehr die Hände mit Magnesia einreiben. Sofort Operation, nach Atlanta. Ich habe 1 Jahr gebraucht, um wieder in Gang zu kommen. 1997, zur Deutschen Meisterschaft in Nellingen, war ich schon wieder Dritter im Mehrkampf.
Dann gabe es den Bundestrainerwechsel und etwas Stress mit Rainer Hanschke.. Unser gemeinsamer Fehler am Anfang war - wir haben nicht miteinander geredet.
Doch dann sind wir aufeinander zugegangen, haben uns richtig ausgequatscht und seitdem läuft es.

"Mr. Cool"

gymmedia:
     Was hat es mit 'Toba la bomba' auf sich...?
Marius:   Ja, weisst Du, das ist so ein Begriff... weisst Du, ich mache zu Hause viele Shows, da kennen mich die Leute eben so. 
Ich habe verschiedene Programme. Zum Beispiel ziehe ich im Cowboy-Outfit als 'Lucky Luke' einen (Turn-) Gaul hinter mir her.... 
Oder in Bremen zur EM trat ich als 'Mr. Cool Man' auf, so als Parodie auf eine Schokoladenwerbung ("It's cool, man..."). 
Eine neue Show habe ich auch am Barren unter dem Motto 'I'm free'  oder wenn Du an Henry Maskes Auftritte denkst, habe ich eine Analogie gebaut, zu dessen 'Eine Frage der Ehre' - das heisst natürlich bei mir an den Ringen 'Eine Frage der Kraft' ... !
So glaube ich, kann man unsere Leistungen als Turner ganz gut an die Leute heranbringen, locker und leicht, und so ist eben dieses "Toba la bomba' entstanden".


"Mr Cool"

(GYMmedia nimmt gern Anfragen nach Marius Toba's Showauftritten  entgegen. die red.)

gymmedia:    Wie kommentierst Du die Probleme, die Andreas Wecker ab und an, wie auch hier nach Abbruch Eurer Mannschaftssitzung, hat?
Marius:     Eigentlich gar nicht. Momentan gehe ich nicht mal ins Deutsche Haus, um darüber nicht angesprochen zu werden. Für mich ist anderes wichtig.  
Aber Andreas ist Deutschlands erfolgreichster Turner. Ich habe ihm gesagt, '..Dein Fehler bestand darin, dass Du vor dem eigentlichen richtigen Mannschaftsgespräch aufgestanden und gegangen bist, ohne sich richtig auszusprechen!'

Aber ich sehe auch, dass Andreas Wecker in vielen Dingen recht hat, wenn er die Situation des Turnens in Deutschland sachlich kritisiert.
gymmedia:     Nun ist das deutsche Maennerturnen mit Rang 10 auch fast dort, wo die Frauen schon sind, es droht in der Mittelklassigkeit zu versinken....! 

Marius:   Wir müssen uns mehr mit unsren eigenen Unzulänglichkeiten beschäftigen, wir müssen lernen, besser die eigene Leistung einzuschätzen und vor allem uns nicht länger selbstgefällig zu belügen! . Es ist also viel zu spät, wenn man hier oder kurz vor den Spielen alles aufholen will.
Weisst Du, es gibt in Rumänien ein Sprichwort, das heisst: 'Gib dem Schwein kein Futter mehr, wenn Du es schlachten willst...' oder so ähnlich. Ich meine, es muss längerfristig und zielgerichteter mit Blick auf die wirkliche Weltspitze an allen Geräten gearbeitet werden und nicht erst kurz vor Olympia."

Mr. POWERMAN!

gymmedia:
   Am Sonntag stehst Du bei Deinen dritten Olympischen Spielen zum zweiten Mal im Ringefinale. Was rechnest Du Dir aus?

 Marius:    Ich sagte ja schon, eigentlich bin ich der 'Ungeplante' bei diesen Spielen. An sich ist das Erreichen eines Ringefinales allein schon die Erfüllung eines Traumes. Wenn ich meine Übung von
A - Z durchziehe...wer weiss...?!.

gymmedia:    Beschreibe mal Deine Ringeübung, die wir im Finale am Sonntag sehen werden..

 Marius:    Also, es geht los mit 'Asarjan', das ist also eine Felge zum Kreuzstütz, dann Stützwaage, Stemme zum Kopfkreuz, Riesenfelge vw. zur Stützwaage, dann 'Chechi', das ist Stützwaage zur Schwalbe, Stemme Winkelstütz, Schweizer-Handstand, 2 Riesenfelgen und dann brauche ich einfach nur noch meinen Doppelsalto gestreckt stehen, ...so einfach ist das. Die Übung hätte dann einen Ausgangswert von 10,2 Punkten. 


Mister POWERMAN"

Die letzten Tage habe ich 1 mal am Tag trainiert, Kraft, Übungen, dann im Olympischen Dorf selbständige Beweglichkeitseinheiten gemacht, Massagen, Sauna, relaxed und vor allem, vom Trubel ferngehalten...
 

gymmedia:    Marius, wir wünschen Dir bestes Gelingen und einen sicheren Stand und bleibe am besten auch ein echter "Mr. Cool!"

 Marius:     "Danke schön, aber lass' mich noch einen Gruess nach Hause zu meinen Jungs und an alle beim TK Hannover schicken: 

Ich werde Euch nicht blamieren!"
(.... siehe auch TKH-Website)

Marius ist am Sonntag, den 24. September ca. gegen 17.00 Uhr Ortszeit als Vierter der 8 Ringefinalisten an den Start gegangen.
Bei seinen dritten Olympischen Spielen, belegte er nach Rang 7 vor vier Jahren nun Rang 6 in Sydney.
"Wenn man bedenkt, dass ich vor 2 Wochen noch nicht mal im Olympiateam wr und jetzt als einziger Deutscher im Finale, bin ich mehr als zufrieden;" so Marius nach seinem Abschied vom Olympischen Podest.

    Finals 1st Day

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update:
23-SEP-2000