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19. Oktober 2001MANNSCHAFTSKAMPF 


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Aus Madrid:

Sonja Schmeißer

Russische Dominanz - Bulgarinnen holen auf

Zwei Ergebnisse galten unter Experten und Fans vor der WM so sicher wie das Amen in der Kirche:
Der Einzelsieg Alina Kabajewas und der Mannschaftstitel für Russland. Letzteres ist heute schon verwirklicht worden, und mit welcher Klasse! Das Wort von dem Turnen in einer anderen Liga trifft auf die Russinnen zu; sie sind im Team derzeit nicht zu bezwingen.

Eine sehr konzentrierte und fast vorsichtig agierende Alina Kabajewa sah man am Nachmittag – und nicht sie, sondern Konkurrentin Irina Tschaschina turnte die beste Keulenübung. Ein traumhaft schöner Tanz nach spanischer Gitarrenmusik, das spanische Publikum war restlos begeistert. Auch mit dem Seil präsentierte sich Tschaschina am Abend top – nicht so Kabajewa, die mit Sprechchören begrüßt wurde und wieder einmal Nerven zeigte. 


Dream Team Russland

Ein grober Patzer mit dem Seil, dem mehrere kleine Unsicherheiten folgten, trotzdem erhielt sie noch die höhere Note... Sie bleibt die Top-Favoritin für das Mehrkampffinale. Und sie steht wie Tschaschina, Jerofejewa, Bessonowa, Tkatschenko und Peitschewa je viermal am Sonntag in allen vier Gerätfinals – die Creme de la Creme unter sich...  
Auf den Medaillenrängen gab es bis zum Ende ein Wechselspiel zwischen Weißrussland, der Ukraine und Bulgarien. Schließlich zeigten Tamara Jerofejewa und Anna Bessonowa, was sie wirklich können und brachten die Ukraine auf Rang 2. Ein Highlight des Abends war zweifellos die traumhaft zelebrierte Ballübung von Jerofejewa. Weißrussland wurde zwar „noch“ Dritter, aber die Bulgaren auf Rang 4 sind schon ganz nah...

Die Bulgarinnen haben in dieser Saison eine rasante Aufholjagd in Richtung Weltspitze gestartet – so als wollten sie die Meriten vergangener Zeiten wieder aufleben und die relative Ruhe der letzten Jahre vergessen lassen... Die einst dominierende RSG-Nation hat mit Naidenova, Paissieva (der jüngsten WM-Teilnehmerin!) und vor allem Peycheva in Madrid ein Team am Start, das nach den Russinnen die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht.  

Wie beim Berlin World Cup im September, als sie vom Publikum zur „Miss Turnier“ gewählt worden war, so ist es auch in der Messehalle 9 in Madrid: Simona Peitschewa erscheint, und noch ehe sie ihre Übung beginnt, will der Beifall kein Ende nehmen. Diesen Sympathiebonus vermögen derzeit nur noch Alina Kabajewa oder einheimische Gymnastinnen zu übertreffen.
Die spanischen Gastgeberinnen, umgeben vom nahezu ohrenbetäubenden Beifallsbekundungen hunderter begeisterter Teenies in der Halle, mussten die zusätzliche Disziplin des Kuscheltier-Einsammelns ausüben. Sie bestätigten ihre Leistung der WM 1999 und wurden wieder Fünfte. 


Lautstark: Spanische Fans

Olga hielt sich tapfer, aber...
Olga Lukjanov musste mit ihrer Seilübung den zweiten Wettkampftag der WM eröffnen, und sie blieb ruhig und meisterte ihre dritte Übung gut: „Das Mehrkampffinale der besten 30 ist mein Ziel,“ so die 14jährige vor dem Wettkampf. 

Trainerin Vera Silajewa, die im Vorjahr noch die Russin Julia Barsukowa zum Olympiasieg geführt hatte, war nicht unzufrieden mit Olgas Leistungen: „Sie hat sich gestern gut präsentiert, im Keulendurchgang die viertbeste Übung gezeigt; wenn sie heute gut durchturnt, ist mehr drin als der bisherige 21. Platz.“ Sie turnte gut durch, und es wurde der 24. Platz, mit dem sie nun morgen ins Mehrkampffinale einzieht.
Auch wenn die akute Entscheidung, lieber keine Mannschaft zu schicken, nachvollziehbar sein mag: Es ist natürlich ein Armutszeugnis für einen Verband, der noch bei den Olympischen Spielen so gut in der Weltspitze vertreten war.

Niveau in der Breite nicht gestiegen
Offensichtlich steht Deutschland aber nicht allein vor solchen Problemen: In Madrid waren 29 Mannschaften am Start, gegenüber 38 in Osaka 1999! Selbst gestandene RSG-Verbände wie Polen (9. in Osaka), Ungarn (13.) oder Finnland (15.) sind in Madrid nur mit Einzelgymnastinnen vertreten.
<< Olga Lukjanov (24.) (Deutschland)   

Das eigentlich Interessante an einer WM-Qualifikation ist aber gerade die Ländervielfalt und die Entwicklung jener Aktiven, die man nur aller zwei Jahre sieht – beispielsweise der Gymnastinnen aus Malaysia, Korea oder den Kapverden. Es mag verschiedene Gründe haben, unter anderem die aus Sicherheitsbedenken getroffenen Absagen oder das generelle Fernbleiben mehrerer Länder, dass die Vielfalt bei dieser WM nicht so groß ist. Um nur einige Beispiel zu nennen: Es fehlen u.a. Japan, die USA, Mexiko, Kuba (Absagen), Ägypten, Venezuela oder auch die Türkei.
Außer vielleicht in Ansätzen bei den Vertreterinnen aus Asien (China rückt von Platz 12 1999 auf Rang 9, Zhong, Ling  ist 16. der Qualifikation - Olympia 2008 lässt grüßen) ist auch das sportliche Niveau in den „Basis-Ländern“ unterhalb der führenden RSG-Länder nicht unbedingt besser geworden. Dies hat nun wiederum einen Hauptgrund: Das gültige Reglement, das in dieser Form hier hoffentlich zum letzten mal greift.
Freuen wir uns mit dem Publikum in Madrid zunächst auf das kommende Mehrkampffinale und schauen mal, ob sich das erste Amen in der Kirche auch erfüllt... 

(Sonja Schmeißer (Text) und Dirk Zimmermann (Fotos) aus Madrid)

>> Report: Qualifikation (Teil I)

 

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