EIN AUSSERGEWÖHNLICHES JUBILÄUM

update: 12-Mar-2001

Mehr als ein deutscher Turn-Geburtstag in der Schweiz

LIESTAL, Switzerland, City of Northern Swiss Gymnastics Center
Birthday Party im Kunstturnzentrum

Dieter Hofmann, Deutschlands erfolgreichster Kunstturntrainer wurde 60 Jahre alt (12.März), hatte zu einer außergewöhnlichen Party nach LIESTAL (bei Basel/Schweiz)  eingeladen und viele, viele kamen.
Nun ist ein runder Geburtstag an sich nichts Ungewöhnliches - dieser jedoch schon, fand er doch nicht im Heimatland des weltbekannten Turnstrategen, sondern in seiner Wahlheimat Schweiz statt, just wenige Monate nach dem katastrophalen olympischen Abschneiden der deutschen Männerriege in Sydney (Rang 10 -  schlechtestes Abschneiden deutscher Olympiaturnriegen im gesamten letzten Jahrhundert).
Dieser Kunstturnexperte Dieter Hofmann jedoch sorgte kurz vor dem Untergang der DDR-Gesellschaft bei den Olympischen Spielen in Seoul für das zweitbeste Ergebnis bei Olympia, das deutsche Turner je erreichten:
Silber im Team hinter der Sowjetunion, Gold an den Ringen (Holger Behrendt), Silber am Sprung (Sylvio Kroll), und weitere 3 Bronzemedaillen -  insgesamt 10 Finalplätze....!
52 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen errang der DDR-Männerturnsport unter der Regie dieses Dieter Hofmann.
Anders als viele andere bekannte er sich aber nach der Wende weiterhin zu seiner Herkunft, auch politisch! Das verhinderte eine Weiterbeschäftigung in den Diensten des weltgrößten Turnverbandes DTB, wo man Angst hatte, dass sich die öffentliche Meinung (Presse) gegen solche Spitzenvertreter des soeben untergegangenen DDR-Systems richten würde - obwohl alle wussten, dass es sich bei Hofmann um einen Top-Strategen und Spezialisten seiner Zunft handelte! Auch Angebote des Schwäbischen Turnerbundes wurden letztlich nie konkret. So ergriff Dieter Hofmann 1991 die Möglichkeit der Bewerbung für eine Stelle des soeben neu errichteten Nordschweizerischen Kunst- und Gerätturnzentrum in Liestal bei Basel und arbeitet als Lehrer an der dortigen Gewerbeschule.
Es war ein absoluter Neubeginn in Reinkultur und sicher keine leichte Aufgabe für den damals Fünfzigjährigen. Aber er befand sich leider in bester Gesellschaft mit weiteren über 30,  vom DTB nicht weiter beschäftigen Kunstturnexperten, die ihr z. T. über Jahrzehnte erarbeitetes Spezialwissen nun vorwiegend im Ausland zur Verfügung stellten. Da waren sie in Liestal damals schon verblüfft, dass sich jener Turnstratege, der sich 3 Jahre zuvor noch mit der Turn-Supermacht UdSSR um olympisches Gold stritt, doch tatsächlich für eine Schweizer "Turn-Stunde Null" zur Verfügung stellte.

Olympic Silver Team: GDR 1988
Hofmann mit DDR-Silberriege Seoul 1988

 

Dieter Hofmann - daily training, daily work
Trainingsalltag in Liestal

"Dieser Mann arbeitet nicht nur im Turnen, der Mann 'lebt' für das Turnen!"
Solcherart Prädikate erfuhren die neuen Liestaler Partner über ihren neuen Angestellten. Wenn auch in den ersten schwierigen Jahren die typisch deutschen Wendeprobleme auch hin und wieder über die Schweizer Grenze schwappten, es Anfeindungen verschiedenster Art gab - dieser Trainer überzeugte letztlich alle mit einer ihm eigenen komplexen Art von Persönlichkeit, Konsequenz in Denken und Handeln, professioneller Arbeit und Menschlichkeit, die bis zum heutigen Zeitpunkt in einer außergewöhnlichen Hochachtung und Wertschätzung seiner Person münden!

Hofmann in Aktion

Gymnast and trainer in action
Bekanntlich sind die Schweizer nicht so schnell von etwas Fremden zu überzeugen und wenn es gar noch von außen kommt  - sie haben aber ein sehr feines Gespür für Qualität, Charakter, Humanität, also für alles, was Bestand hat!
Dies muss ihnen dieser Dieter Hofmann mit der Art und Weise seiner Arbeit, seinem Charakter und dem pädagogisch-einfühlsamen Umgang mit Kindern, Jugendlichen und deren Eltern derart vorgeführt haben, dass ihre Wertschätzung für diesen Mann - dem man solche Sensibilitäten vom ersten oberflächlichen Eindruck eher nicht ansieht -  in einer mehr als würdigen  "Zeremonie" der Feier seines 60. Geburtstages gipfelte!

Swiss culture in a swiss gym
Alphörner zur Jubiläumsgala

Eine kleine Sportgala inszenierten die Gastgeber
im Nordschweizer Kunstturnzentrum Liestal.

Im Mittelpunkt natürlich der Sport, das Turnen, die Akrobatik, aber in erster Linie das begeisternde Engagement des olympischen Alltags.

 Hier hatte der angereiste Gast das unmittelbare Gefühl:
Das ist eine kleine  Turnfamilie mit großen Zielen!

Nach den sportlichen Vorführungen fand man sich zum typisch Schweizer Aperò - Small Talk zum Begrüßen und zum Kennenlernen der vielen Gäste....

Grand father and grand sun in acrobatic performance
Turnopa&Turnenkel

Angereist war fast die komplette DDR-Silberriege von Seoul '88.
Vier Olympiasieger, über 130 Gäste aus Deutschland, Ungarn, Rumänien, Niederlande erwiesen dem erfolgreichsten deutschen Kunstturntrainer ihre Referenz.
"Olympische Turn.Reminiszensen 1988" hieß ein Film, der noch einmal dem olympischen Highlight des Olympiajahres gewidmet war. Da gab es Tränen in vielen Augen und mehrfach stehende Ovationen für eine Lebensleistung, die nunmehr auch die zehn Schweizer Arbeitsjahre in Liestal mit einschlossen.

Special birthday guests: The GDR Men's Olympic Silver Team, Seoul 1988
Die Ex-Olympia-Schützlinge des Jubilars: (v.l.n.r.)
Kroll, Belle, Tippelt, Wecker, Brückner, Behrendt

 

Niemals zuvor saßen in Liestal
4 Turnolympiasieger gleichzeitig auf einer Bank:
(v.li,n.re.)


 Roland Brückner (GDR)
(Boden, 1980);
 Holger Behrendt (GDR)
(Ringe, '88),
Andreas Wecker (GER)
 ('Reck, 96) und
Donghua Li (SUI)
 
(Pferd, '96).

(Ein renommiertes Schweizer Magazin veröffentlichte eben eine Reportage über den charmanten
 Schweizer Olympiasieger Donghua Li )

One picture - Four Olympic Champions !
Makaber erschien das Ganze speziell für den Besucher aus Deutschland schon ein wenig, erwies man doch ausgerechnet auf Schweizer Boden und im Ausland seine Referenz für Spitzenleistungen, die unter deutschen Turnhallendächern kaum noch der Rede wert zu sein scheint. Das in einer Sportart wie Kunstturnen durch nichts zu ersetzende Know-how wurde dort zu wesentlichen Teilen "entsorgt". Was zu herkömmlichen, alten bundesdeutschen Strukturen damals nicht passte, wurde achtlos in die Arbeitslosigkeit oder in andere "Wüsten" geschickt. Auch wenn es in der Bundesrepublik viele warnende Stimmen gab - letztlich ist man jetzt dort, wo die bundesdeutsche Männerriege schon 1988 in Seoul war (Rang 12): In akuter Gefahr eines Ausschlusses aus der "Olympic Family", was den deutschen Frauen bekannter Weise bereits nach 1996 widerfuhr.... 
Makaber erscheinen in diesem Zusammenhang denn auch die jetzigen "neuen" Überlegungen im DTB, die mit der Wendezeit untergegangenen Strukturen der Trainingszentren (DDR-TZ-Strukturen) hier und da zu regenerieren. Lehnte man doch damals rigoros konkrete Pläne zur Erhaltung der turnerischen Talente- und Sichtungsstruktur ab, obwohl die meisten qualifizierten Kräfte bereit gewesen wären, weiterzuarbeiten und ihr Können und ihre Erfahrungen dem neuen Deutschland unter neuen Bedingungen, zur Verfügung zu stellen.

The coach: Dieter Hofmann

Schnee von gestern ...?
Jedenfalls waren dies auch Diskussionen auf der Geburtstagsparty dieses Dieter Hofmann in Liestal. Dem gelang doch dort tatsächlich der Aufbau des Nordschweizerischen Kunstturnzentrums NKL, aus welchem bereits jetzt erste Juniorenlandesmeister und - auswahlturner hervorgehen und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis Liestaler Hofmann-Schützlinge in den Auswahltrikots der Turnnation Schweiz antreten werden.
"Warum sollte es nicht auch wieder einen Olympiasieger der Eidgenossen geben, und warum sollte der dann nicht aus Liestal kommen können..."
- hörte man in internen Gesprächsrunden vor Ort.
Jedenfalls arbeitet man momentan professionell an den dafür nötigen Bedingungen: Dreieinhalb Millionen Schweizer Franken braucht man für einen fest geplanten Erweiterungsbau, knapp die Hälfte davon hat man schon.

Dieter Hofmann, sixty years, but daily hard work!

Die Kantonsregierung und das gesamte Umfeld stehen fest hinter solchen Konzepten, tragen doch die jungen Kunstturnschützlinge schon jetzt den innovativen Ruf der "Hofmann-Schule" Liestal bereits in alle Welt. Einen guten Ruf hat Liestal bereits international beim OBI-Cup in Berlin, beim GWG-Cup in der Turnierstadt Cottbus, bei den Junioren-Europameisterschaften in 2000 in Bremen und die kreativen Erfahrungen und technischen Kreationen dieses weltbekannten Turnmethodikers sollen bei den kommenden Weltmeisterschaften im belgischen Gent in einem speziellen Seminar vorgestellt werden.
   Hofmann'sche Kreationen:
A mini pommel horse, good for the little boys.
Mini-Pommel
Handstand bowl
Handstand-Schüssel
Pegases in action
Pegases: Rondat
Pegases: Double sault
Pegases: "Roche"
Handstand immitator for parallel or high bar elements
Handstand-Imitator
 

Der offizielle Ausrüster der 35. Welttitelkämpfe Ghent 2001, die renommierte holländische Gerätehersteller "Janssen&Fritsen", nutzt schon lange den Erfahrungsschatz des versierten Praktikers. Was Dieter Hofmann in seiner methodischen Arbeit braucht, was ihm engagierte Eltern seiner Schützlinge selbstlos als Prototypen bastelten, das greift die Gerätefirma J&F auf und führt es zur Produktionsreife in der Gewissheit, dass es dem Praxisbedarf in den Turnhallen dieser Welt exakt entspricht. Ganz klar, dass dann diese Janssen&Fritsen-Geräte-Innovationen auch in der kleinen, aber feinen Liestaler Turnhalle stehen. Ganz klar auch, dass das neue Sprunggerät, der "PEGASES", - von Dieter Hofmann wesentlich mitentwickelt - schon längst in den Trainingsprozess eingefügt ist, während momentan die Auslieferung der ersten 100 Exemplare an die Turnnationen dieser Welt erfolgen. Dieser Pegases wird nämlich das WM-Wettkampfgerät im Herbst diese Jahres in Gent sein. Somit präsentiert GYMmedia als erste Agentur der Welt allererste Trainingsbilder des Pegases in vollem Einsatz (Serie wird in Kürze fortgesetzt im GYMmedia-WM-Teil). Die Aktiven der Hofmannschule, die bereits Rodatsprünge und Doppelsalti trainieren, sind voll des Lobes über dieses Gerät und möchten nicht wieder zurück zum "alten Sprunggaul".

Und hier schließt sich der Kreis im Bedingungsgefüge der komplexen Sportart Kunstturnen:
Nur in Einheit von langjährigem Bemühen, Erfahrungen und Können, Begeisterung und Leistungsstreben, gepaart mit den dazu passenden Strukturen eines verantwortlich handelnden Umfeldes sind Spitzenleistungen in der komplexen Sportart Kunstturnen möglich! Auch wenn scheinbar und im Moment die kurzlebigen Erfolge der Spaß- und Fun-Gesellschaften Konjunktur zu haben scheinen, verzerrt auch durch deren medialen Widerspiegelungen: Am Beispiel dieser außergewöhnlichen Schweizer Geburtstagsfeier eines deutschen Turntrainers und seines Wirkens wurde deutlich, dass man die leistungswillige und körperbewusste Sportjugend auch wieder für den "mühevollen Weg der Lust",  und auch wieder für das Kunstturnen begeistern kann.
(c) GYMmedia / Eckhard Herholz / März 2001)

! Lesen Sie auch den Artikel in der Baseler Zeitung vom April 2000: "Ja zum Leistungssport"
und bei GYMmedia
... den Bericht von der "Eröffnung der Rosenhalle" (13. März 2005)
... den Bericht: "Dieter Hofmann geht in Ruhestand" (16. März 2005)
... den Bericht vom 65. Geburtstag in Liestal  (12. März 2006)
...  ... den GYMmedia-Bericht zum 70. Geburtstag in Guatemala (12. März. 2011)

 


update: 13-Mar-2005 
- ehe -