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Wednesday
20-SEP-2000
Mittwoch

XXVIIth Olympic Games Sydney, Kunstturnen

- Artistic Gymnastics -

Exclusiv fuer GYMmedia aus Sydney:
Andreas Goetze und Eckhard Herholz

All around Final, Men

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Die Goldene Olympische Revanche des  Alexej Nemow !

Seit Atlanta war er der "charming Boy" und Liebling vieler Teenies. Inzwischen hat er in der  russischen Autostadt Togliatti vor kurzem Hochzeit gefeiert, ist seit August stolzer Familienvater - und hat seinen Sohn noch nicht einmal gesehen - Olympiatribut.
Ein ganz anderer, reifer Nemow ist zu seinen zweiten Spielen angereist!
Seit Atlanta ist er auch auch der abolut beste Turner über die Serien der Weltcups und Grand Prixs, über die letzten 4 Jahre hinweg - von zwischenzeitlichen Schulterproblemen abgesehen (Operation).

Die ununterbrochene Nummer 1 der Weltrangliste ist bis auf den heutigen Tag auch der  überragende Mann dieser Olympischen Wettbewerbe.

Alexej Nemow (RUS)

Nemow's  Weg zum Erfolg

1.Durchgang:

Sowohl Alexej Nemow's Start in der Teamqualifikation als auch hier in diesem Mehrkampf war von allerbester Güte:
Am Reck begann Nemow mit seiner Uebung mit den 4 "Fliegern": Kovacs, dann noch 2x Kovacs gebückt, der gestreckte Tkatschow und als Abgang der Doppel-Tsukahara gestreckt, Nemow erhält zurecht die Höchstwertung des ersten Durchgangs, 9,787.
An den Ringen stand ihm der Chinese Yang, Wei (9,712) kaum nach, der schon als Fünfter in der Qualifikation bester seines Landes war und Barrenspezialist Lee, Hyung-Joo (Korea) turnte dort 9,75 Nemows weitere, wichtigste Konkurrenten:
Alexander Beresch begann mit 9,55 an den Ringen, der WM-Dritte Jordan Jowtschew mit 9,700 am Reck und man sollte auch noch auf Iwan Iwankow (BLR) achten, der selbst ueber sein Auftreten in der Qualifikation enttäuscht, hier aber hochkonzentriert begann: 9,725 am Pauschenpferd.
Der Deutsche Dmitri Nonin erwischte auch keinen schlechten Start an diesem Gerät, mit winziger Bewegungsunterbrechung nur, kurz vor seinem Abgang: 9,437.

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2.Durchgang:

Wieder dieser Nemow mit der Höchstwertung: An seinem Spezialgerät Boden zauberte der aktuelle Weltmeister förmlich: Herrlich sein Doppel-Tsukahara und souverän der doppelte gestreckte Salto am Ende seiner Übung. Er steigerte sich auf die erste 9,8-Wertung dieses Abends!
Aber die Konkurrenz war ihm auf dem Fersen, z.B. Blaine Wilson (USA), der Weltrranglisten-Zehnte, der einen traumhaft sicheren Überschlag-Salto v.w. in den Stand brachte und ebenfalls die 9,80 erhielt. Iwankow (BLR) setzte mit 9,725 an den Ringen fort, wo er immerhin schon in diesem Jahr die Superspeziaslisten in der Weltcupserie schlug - gut dieser Auftakt sicher auch für sein angekratztes Nervenkostüm. Dmitri Nonin (GER) fehlerfrei an den Ringen, seine 2 Guczoghy-Salti kamen flüssig, der Abgang Doppelsalto gestreckt sicher zum Stand (9,587). Jowtschew (BUL) solide am Boden (9,55), der unauffällige Alexander Beresch sprang 9,675 und der Chinese Yang, Wei zeigte einen herrlichen "Kroll"-Sprung (zweieinhalb Längenachsendrehungen) und bekam 9,712. (Nonin auf Rang 19 mit 19,024)
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1 2 3 4 5 6
Nemow
 19,587
Iwankow
19,487
Lee, Joo-Hyung
 19,450
Yang, Wei
 19,424
Wilson
19,412
Bondarenko
 19,362
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3. Durchgang:

Auch nach der Halbzeit dieses Mehrkampfes: Nemow wieder ohne Fehl und Tadel am Pauschenpferd mit 9,775.  Differenzen liegen im Tausendstelbereich, ohnehin nur von Experten zu ermitteln, die Unterschiede bleiben auch deren Geheimniss. Nonins Sprung macht mit einer Schwierigkeit von nur 9,50 das deutsche Sprung- ( und Boden-) Desaster deutlich. Mit 9,012 ist man in einem olympischen Finale nicht mal gut für die Top 30, Nonin fällt auf Platz 23 zurück!
Auch Iwankow hat keinen 10er-Sprung zu bieten, sein Rondat mit Doppeldrehung hat nur 9,8 Ausgangswert, bringt ihm auch nur 9,5 Punkte-Zehntel, die ihm am Ende fehlen könnten. Dafuer powert der Chines Yang, Wei und sieht als einer der Hauptkonkurrenten für Nemow auf die Goldmedaille aus: (9,75 am Barren). Aufpassen muss man aber auch auf den Mehrkampf-Europameister Alexander Beresch (UKR), dessen unauffälliges, introvertiertes Verhalten im krassen Gegensatz zu seiner hochwirksamen Superklasse steht, dem kann man einfach wegen Beherrschung und Austurnen der Grundlagen und Höchstschwierigkeiten nur wenig abziehen: 9,75 am Barren;auch Wilson ist dort stark (9,712), der Spanier Cortez brachte endlich einmal mit einem neuen Abgang etwas Bewegung ins Barrenübungsgut, nämlich  mit einem Salto vorwärts, halbe Drehung-Salto rueckwärts, und das gebückt (9,537)!
Bondarenko turnt sich mit starken 9,712 an den Ringen auf Rang 4, der Koreaner  Lee faellt nach Bodensturz (9,337) auf Rang 13 zurück

1 2 3 4 5 6
Nemow 
29,362
Yang, Wei 
29,174
Wilson 
29,125
Bondarenko 
29,074
Iwankow 
28,987
Jowtschew 28,987
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4.Durchgang:

Nemow turnt weiter so exakt wie ein Uhrwerk, auch an seinem nicht allerstärkstem Gerät, den Ringen. Schön seine drei Guczoghy-Salti in Folge - gehockt-gebückt-gehockt, sicher der Tsukahara gestreckt in den Stand.
Aufgepasst: Dieser Yang, Wei bleibt dran: Supersicherer Doppel-Tsukahara in den sicheren Stand, damit hat er an dieser Stelle schon über 8 Zehntel mehr geturnt, als in der Qualifikation, als er Fünfter war!
Sicherer Doppelsaltoabgang auch von Dmitri Nonin (GER) und mit seinen 9,587 macht er 2 Plätze gut (21.).
Iwankow hält seinen 5. Platz mit 9,700 am Barren und Beresch schiebt sich mit seiner Reckübung erstmals auf einen Medaillenrang.

1 2 3 4 5 6
Nemow 
39,049
Yang, Wei 38,911 Beresch 
38,775
Jowtschew 
38,737
Iwankow 
38,687
 Swetlitschni 38,650
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5.Durchgang:

Da blitzte doch am Reck wieder alte deutsche Turnklasse auf, fast chinesische Technikqualität, auch optisch im "Chinesengelb": Der EM-Dritte von S.Peterburg 1998, Dmitri Nonin reckte nach seinem sicher gestandenen Doppeltsukahara die Fäuste an die Decke, selbst Heimtrainer Siegfried Wüstemann entlockte es ein Lächeln und nachdem auch der Kovacs haushoch und elegant gelang, brachte das 9,75 Punkte! Damit wäre der Junge doch tatsächlich im olympischen Reckfinale gelandet - hätte er diese Übung eben am ersten Team-Qualifikationstag so geturnt...hätte aber 'is nich', bei Olympia.
Nemow leistete sich die erste kleine Schwäche bei seinem "Scherbo"-Sprung (Rondat-halbe Drehung- Salto vw. gestreckt, Doppeldrehung), dazu ein weiter Schritt und 9,650, behält aber die Fuerung.
Yang, Wei kommt ihm mit 9,70 um ein halbes Zehntel naeher, wo er zwar das schwierigste Element - den Doppel-Tsukahara gestreckt turnt, aber für einen Chinesen ungewöhnlich schlechte Beweglichkeit (Spagate...!!??)  erheblich kaschieren  muss!. 
Der Franzose Dmitri Karbonenko stuerzt kopfüber und daudurch ziemlich spektakulär vom Pauschenpferd

1 2 3 4 5 6
Nemow 
48,699
Yang, Wei
 48,611
Beresch
48,450
Iwankow 
48,449
Swetlitschni
 48,350
Wilson 
48,112

7. Jowtschew 38,737  /   8. Bondarenko  48,149  / .... 16. Nonin 47,373

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6. Durchgang:

Was bedeutet im Turnen  der Unterschied von 0,088...?! 
Soviel nämlich lag der Chinese Yang, Wei nur noch hinter Alexej Nemow zurück. Es bedeutet zumindest soviel, als das sich keiner - auch die Verfolger nicht - irgend nur eine Blöse geben konnten, denn alle lagen im 48er-Punktebereich vor dem letzten Durchgang, allesamt waren sie also für eine Medaille gut und die ersten Sechs kommen aus 5 (!) Nationen ( - diesem Olympiasechser gehörte vor vier Jahren noch der Deutsche Belenki an!). Das zeigt, wohin sich die Weltspitze des Männerturnens entwickelt hat:

Ausgeschlossen von dieser Entwicklung dagegen - abgesehen vom einzigen Aufblitzen alter Klasse am Reck durch den Berliner Dmitri Nonin (- und in Erwartung seiner Ringefinaluebung durch Marius Toba -)  nunmehr das deutsche Maennerturnen. Diesen Entwicklungsverlust demonstrierte dann leider auch Nonin noch einmal am Boden mit einer Übung, die den Anschein erweckte, als sei der Berliner verletzt, war er aber nicht - mehr ist eben leider nicht:
Farblos, ohne akrobatisches Esprit, mit magerer Doppelschraube am Ende... einfach weit, weit weg, von den Übungen der Weltbesten (8,937 nach 9,4 Ausganggswert).

Der Chinese Yang, Wei schafft es doch nicht ganz, den Triumph seines Landsmannes Li, Xiaoshuang von Atlanta zu wiederholen, dafür hätte er eine 9,75 gebraucht, schaffte aber am Pauschenpferd seinen Handstand nicht ganz durch die Senkrechte.......

Mehrkampf-Europameister Alexander Beresch sichert dagegen mit makelloser Pauschenpferdübung (9,762) die Bronzemedaille ab - die erste olympische Einzelmehrkampfmedaille für die Ukraine!

Es war ein Start-Zielsieg.......

- beginnend mit seiner ersten Übung bereits in der Qualifikation und beendend mit seiner letzten Übung am Barren in diesem 2000er-Finale! Die hatte er aber schon ein wenig vorsichtig geturnt, um den Sieg nicht in letzter Minute zu gefährden. Trotzdem kamen seine drei Doppelsalti gewohnt sicher, der Doppelsalto gebückt in einen Superstand und der Vorsprung vor seinem ärgsten Verfolger erhöhte sich sogar noch um einen Hauch auf  0,113 (!!).

Und Alexej Nemow setzt sich souveraen die Krone des Mehrkampf-Turnens auf! 

Ein würdiger Olympiasieger, der vor 4 Jahren wegen 0,049 Punkten den Chinesen Li, Xiaoshuang an sich vorbeilassen musste - diesmal also die goldene olympische Revanche!
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Goldan.gif (12571 Byte) Silber.gif (872 Byte) Bronz.gif (1525 Byte) 4 5 6
Nemow (RUS)
58,474
Yang, Wei (CHN)
 58,361
Beresch (UKR)
58,212
Iwankow (BLR)
58,024
Swetlitschni(UKR)
 57,950
Bondarenko(RUS)
 57,924
... 7. Jowtschew (BUL) .... 21. Nonin (GER)  56,310
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.Zur Pressekonferenz:

Erste Reaktion des Mehrkampf-Olympiasiegers Alexej Nemow (Russland):
"Ich bedanke mich zuerste bei allen russischen Journalisten, nicht nur fuer diese Olympischen Wettbewerbe, sondern auch fuer die Begleitng des Turnens im Jahresverlauf. Den Sieg widme ich meinem Sohn Alexej (Anm.:- Nemow ist seit Juni 2000 verheiratet). Es war heute vor allem deswegen ungeheuer schwer, weil es wie ein Automatismus ablief, ich weiss auch nicht, wie ich das gemacht habe, es lief einfach gut. Allerdings besteht eben gerade darin die grosse Gefahr und das Risiko fuer Fehler".

Silbermedaillengewinner Yang, Wei (China):
Natuerlich freue ich mich ueber diese Medaille, aber ebenso natuerlich ist fuer mich das Mannschaftsgold der wertvollere Erfolg."

Dmitri Nonin (Deutschland):   "..........?"

Kleine Anmerkung:
Sicherlich spricht es sich angesichts des Erfolges leichter. Wenigstens  Anstand und Höflichkeit gebieten  jedoch, dass sich Athleten in jedem Falle der Presse ihres Landes zur Verfügung stellen.


Nonin: Rang 21 beim Olympiadebüt

Diesbezueglich ohne jeglichen  Stil die Deutschen:
SWR-Rundfunkreporter Holger Kühner steht wie ein Schuljunge da, trotz geschalteter Leitung in die Heimat, die Printkollegen suchen wie verzweifelt - selbst nach Sprints von den Presseplätzen, aber ohne jeglichen Erfolg - nach irgend einem deutschen Gesprächspartner.
"... die sind wohl schon alle zum Bus gegangen," so die Auskunft von Teamarzt Boschert ....??

Unprofessionelles, dilettantisches und wenig engagiertes Verhalten der DTB-Vertreter - so wird diese Verhalten hier kommentiert. Da hat dieser junge Mann Dmitri Nonin seinen ersten olympischen Wettkampf (-ausser Boden) mit Bravour und professionell gemeistert, bewies der Welt am Reck, dass aus Deutschland doch noch Weltspitze kommen kann - und dann verlässt das Team sang- und klanglos die Halle, als wäre man nicht bei Olympia, sondern im Trainingscamp in Kienbaum...?

Deutsche Pressebetreuung gleich Null - der Pressesprecher des Deutschen Turner-Bundes wurde statt nach Sydney quasi in den Urlaub geschickt (???) - wie übrigens sein Kollege vom Schwimmen auch...
... viel Gesprächsstoff in Deutschland vor dem großen Turntag im Herbst, viele Dinge, die da neu zu regeln sind.

Eckhard Herholz
Info: Andreas Goetze

Red.: Sonja Schmeisser
Statistics: Falk Naundorf

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update:
18-SEP-2000

 

 

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